Leiden ohne zu beleidigen: Fußballfans demonstrieren beim Pokalspiel von Eintracht Frankfurt gegen Werder Bremen.
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BerlinEs war ein interessantes Statement, das Manuel Neuer am Dienstag in der Gelsenkirchener Fußball-Arena abgab. Hunderte, vielleicht Tausende Menschen hatten ihn während der Partie des FC Bayern auf Schalke mehrfach und laut als „Hurensohn“ beschimpft. Neuer jedoch erwiderte etwas später auf die Frage nach der Stimmung im Stadion: „Es war positiv, muss man ganz klar sagen. So gehört sich das. Unterstützung für beide Mannschaften, es gab keine Anfeindungen.“ Als Teenager hatte der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft selbst in der Schalker Nordkurve gestanden, er pflegte enge Verbindungen zur Ultra-Gruppierung „Buerschenschaft“, womöglich hat auch er schon so manchen Gegner beleidigt. So wie es in den Stadien seit Jahrzehnten üblich ist.

Dietmar Hopp will Menschen besser schützen

Menschen wie der Hoffenheimer Klubeigner Dietmar Hopp haben sich nun vorgenommen, diesen unzivilisierten Raum friedlicher und freundlicher zu machen. Menschen besser zu schützen vor Gewalt, Homophobie, Sexismus und Hass in ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Adressaten sind diese verbohrten Extremisten in den Kurven, die sich einfach nicht an Regeln halten. So weit die Theorie, die aber nur wenig mit der Realität zu tun hat.

Der erste große Trugschluss liegt schon darin, dass längst nicht nur Fanatiker Konventionen brechen. Im Stadion, und nicht selten auch beim gemeinsamen Fußballfernsehen mit den Kindern, überschütten mitunter die friedlichsten Menschen Schiedsrichter, gegnerische Spieler und zur Not auch mal den Torwart der eigenen Mannschaft mit Ausdrücken weit jenseits allen Anstands. Tiefe Wut und irrationale Abneigungen können hier genauso ausgelebt werden wie Schadenfreude und Häme. Lauter böse Regungen. Fußball bietet einen Raum außerhalb der Vernunft, ist ein Ventil, ein Ort der Katharsis. Die Empörung der Fußballgemeinde über die Fans, die Hopp als „Hurensohn“ bezeichneten, war daher im Kern vor allem eines: zutiefst verlogen.

In den Stadien herrscht zwar keine Anarchie, aber hier existiert eine kleine Welt, die anders funktioniert. Hier gibt es Feinde, die gehasst werden, mit denen die Kämpfe aber spielerisch ausgetragen werden. Hier können sich Hunderttausende austoben, sie dürfen parteiisch und ungerecht sein, ihrer Wut über Obrigkeiten Luft verschaffen und müssen ihre inneren Spannungen dann vielleicht nicht mehr im Alltag loswerden. Und sie können böse Worte sagen. Eine gewisse Abgründigkeit ist ein fester Bestandteil des Fußballs. Womöglich sind die dunklen Ecken des Spiels sogar unverzichtbar für den kommerziellen Erfolg.

Wo der Tabubereich beginnt

Dass dieser Mechanismus wirklich so funktioniert, lässt sich natürlich infrage stellen, aber diese Debatte muss dringend geführt werden, bevor die Stadionkultur wegen eines gekränkten Milliardärs mal eben neu erfunden wird. Der Tabubereich beginnt bei rassistischen, sexistischen und homophoben Verlautbarungen. Auch Bedrohungen, wie ein Fadenkreuz über dem Gesicht, gehen zu weit. Was sonst noch sanktioniert werden soll, lässt sich aber kontrovers diskutieren. Es ist bezeichnend, dass die eindimensionalen Fußballmenschen mit großem Ernst mitfühlen, wenn sich der als „Hurensohn“ beschimpfte Hopp verletzt fühlt, die sexistische Seite des Begriffs aber allen völlig egal ist.

Nötig wäre eine ruhige Diskussion über sinnvolle Verbesserungen, die mehr beinhalten als angedrohte Spielabbrüche und Verbote. In den Fanprojekten ist zu hören, dass die Zuschauer viel öfter von ihren Nachbarn in den Blöcken zur Räson gerufen werden als gemeinhin angenommen wird. Die zivilisierenden Kräfte wirken längst. Bedarf gibt es an einem bewussteren Umgang mit der Bedeutung von Beschimpfungen und an ein paar verlässlichen Leitlinien. Die Ausgestaltung solcher Grundsätze darf aber nicht von Leuten wie Hopp, Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge oder DFB-Präsident Fritz Keller gelenkt werden, sonst ist das Stadion als Ort einer einzigartigen Freiheit bald Geschichte. Vielversprechender wäre, Vereine, Ultras, Stehplatzinhaber, Sitzplatzbesucher, Ältere, Jüngere und Experten an dem Prozess zu beteiligen.