Mal ganz ehrlich: Würden Sie Oliver Sorg auf der Straße erkennen? Oder Mensur Mujdza beim Bäcker? Johannes Flum beim Metzger? Ivan Santini im Supermarkt? Pavel Krmas an der Tankstelle? Matthias Ginter im Buchladen? Fallou Diagne beim Friseur? Die Liste ließe sich ziemlich beliebig weiterführen, mag sein, dass Oliver Baumann, Jonathan Schmid, Daniel Caligiuri und Max Kruse inzwischen ausreichend populär geworden sind, um beim Einkaufsbummel in der Freiburger Fußgängerzone für einen erhöhten Erregungszustand bei den Menschen zu sorgen − wahrscheinlich ist das eher nicht. Umso intensiver werden die Profis des SC Freiburg in der Branche wahrgenommen, sie spielen, angeleitet von ihrem fachkundigen Trainer Christian Streich, derart beeindruckend klasse Fußball, dass nun die Logik kapitalistischer Konkurrenz einsetzt. Und zwar derart gnadenlos, dass man sich auch als Mensch mit durchschnittlich ausgeprägter Empathie gar nicht recht freuen mag über diese wunderbare Geschichte eines zuvor einer breiten Öffentlichkeit ebenfalls vollkommen unbekannten Mannes mit mitunter absonderlichen Eigenschaften, der eine am Boden liegende Fußballmannschaft vor kaum mehr als einem Jahr auf dem letzten Platz übernommen, erfolgreich reanimiert und renoviert und aus bleichen Zombies rotwangige echte Kerle gemacht hat.

Das Geld lockt

Jetzt läuft ein Kerl nach dem anderen weg, weil er andernorts statt einer halben Million oder weniger plötzlich eine Million oder noch weit mehr für seine Fußfertigkeiten überwiesen bekommt. Man möchte den bemitleidenswerten Christian Streich am liebsten in den Arm nehmen und trösten, es ist ja weithin in der Republik völlig unübersehbar, wie sehr der Trainer mit jedem neuen Punktgewinn noch ein bisschen mehr leidet, weil er gespürt hat, dass jeder Sieg auch ein vergifteter Erfolg ist. Denn viel zu weit sind die Breisgauer nicht nur geografisch von der Konkurrenz entfernt, sondern auch finanziell.

So groß ist die Not, dass der begnadete Talentförderer Streich sich neulich gar mit dem Berater von Mike Hanke getroffen hat. Hanke, der in Mönchengladbach nicht mehr benötigt wird, wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Aber er hat Erfahrung in der Europa League. Die droht für einen entkernten SC Freiburg, der bedauerlicherweise im nächsten Jahrgang ausnahmsweise mal nicht mit einer Vielzahl bundesligareifer Talente aus der eigenen Akademie gefüttert wird, in der kommenden Saison zum Fluch zu werden.

Christian Streich muss jetzt stark sein. Er muss Tatkraft vorleben und Optimismus. Aber das ist furchtbar schwierig, wenn der Erfolg seine Kinder so gierig frisst wie beim SC Freiburg.