Spa-Francorchamps - Momentaufnahme oder Wachablösung? Ist Charles Leclerc ab sofort die Nummer eins bei Ferrari? Das ist die Frage, die im heißen Herbst die Formel 1 beflügelt. Der Triumph Leclercs beim Großen Preis von Belgien war jedenfalls nur möglich, weil Vettel mit dem von ihm einmal mehr ungeliebten roten Rennwagen den Puffer zu Weltmeister Lewis Hamilton und damit den Wasserträger für den jungen Teamkollegen spielen musste: „In gewisser Weise musste ich für Charles herhalten“, bestätigte der Heppenheimer nach seinen 44 zähen Runden, um dann knapp den „besonderen Tag“ zu würdigen und gleich wieder in den selbstkritischen Modus umzuschalten: „Er und alle anderen schienen den Grip gefunden zu haben, der mir gefehlt hat. Es war mir klar, dass ich in der Helferrolle bin und weniger mein eigenes Rennen fahren würde.“ Die Klarheit hatte er bereits nach der noch bitteren Qualifikationsniederlage, als dem Hessen sieben Zehntel Sekunden auf Leclerc gefehlt hatten. Und später, im Rennen, wurde es noch deutlicher nach der eindeutigen Ansage über Boxenfunk, er möge den Kollegen bitte wieder durchlassen, was er auf der Start- und Zielgeraden auch plakativ tat. So etwas setzt sich fest in einem Rennfahrergemüt.

Im Rennstall der Herzen spielen Emotionen eine wichtige Rolle, Vettel hatte in der langen Aufbauphase davon profitiert, ist geachtet und beliebt. Aber Leclerc, ein Sprößling der Ferrari Junioren-Akademie, schlug von Anfang an echte Leidenschaft entgegen. Und der Erfolg, nachdem die Italiener so lange dürsteten, ist ein emotionaler Verstärker. Es wäre allerdings sehr ungerecht, schon von einer kompletten Umkehr der Verhältnisse zu sprechen. Vettels Ehrgeiz ist mindestens so groß wie der des Talents Leclerc. Weshalb der anstehende Große Preis von Italien zu einem wichtigen Ausscheidungsfahren über die Gunst im Binnen- wie im Außenverhältnis werden wird, die über diese Saison hinausreicht.

Dem Teamplay verpflichtet

An Befehlsverweigerung brauchte Vettel nicht mal im Ansatz denken. Dazu ist er bei allem Ego als vierfacher Weltmeister zu sehr dem Fairplay und vor allem dem Teamplay verpflichtet. Als Profi hat er schon länger erkannt, dass der aktuelle SF 90 H dem Fahrstil seines Kollegen und Konkurrenten mehr entgegenkommt. Sechsmal in Folge hatte er deshalb in der Qualifikation, dem wichtigsten internen Gradmesser, das Nachsehen.

„Das Team genießt immer Priorität. Das wissen die Fahrer, auch wenn es für sie nie einfach ist. Wir sprechen solche Szenarien aber am Morgen vor dem Rennen durch. Sebastian hat gezeigt, dass er sich im Fall der Fälle in den Dienst der Mannschaft stellt“, lobte Teamchef Binotto hinterher. Ursprünglich war zu Saisonbeginn ausgerufen worden, dass Vettel die Nummer eins sei und deshalb bei Stallorder das Vorrecht genieße. Der Große Preis von Belgien, bei dem für Ferrari erstmals in diesem Jahr alles gepasst hat, war allerdings ein Ritterschlag für Leclerc. Als der Sieger aus dem Cockpit kletterte, zeigte er gen Himmel, das war ein Zeichen für seinen tödlich verunglückten Freund Anthoine Hubert. Dann zeigte er die Faust. Sich selbst – und sicher auch Vettel.