Es ist eine ziemlich gefährliche Situation, in die die Uefa sich durch die Bewährungsstrafe für den russischen Verband begeben hat. Die Disziplinarkommission des Verbandes, der diese Europameisterschaft ausrichtet, hat die russische Mannschaft vom Turnier ausgeschlossen. Zwar nur auf Bewährung, aber mit dieser Maßnahme haben die Veranstalter einen Teil ihrer Macht aus der Hand gegeben. Was sollen die Funktionäre tun, wenn vor, während oder nach der Partie gegen die Slowakei erneut russische Zuschauer einen Angriff auf gegnerische Fans durchführen? Oder beim Spiel gegen Wales  kommende Woche? Oder zu irgendeinem anderen Zeitpunkt des Turniers?

Sportliche und politische Konsequenzen

Dem Verband bliebe kaum etwas anderes übrig, als die Sbornaja nach Hause zu schicken, und das hätte weitreichende Konsequenzen. Sportlich und politisch. Die Russen fühlen sich (auch aufgrund einer entsprechend ausgerichteten Berichterstattung ihrer Staatsmedien) grundsätzlich ungerecht behandelt vom westlichen Teil Europas. Ein EM-Ausschluss wäre eine neue Stufe der Eskalation in einem Entfremdungsprozess, der immer mehr an Fahrt aufnimmt.

Es ist sicher richtig, dass es Russen waren, die im Stadion von Marseille selbst auf Unbeteiligte eingeschlagen und -getreten haben, aber in den Tagen zuvor am Hafen der Stadt gab es auch viele Engländer, die Krawall wollten. Weil die Uefa sich aber nur mit Vorfällen beschäftigt, die sich in unmittelbarer Nähe der Stadien ereignen, kamen diese ohne Sanktionen davon. Die Russen empfinden diese Gewichtung als sehr unfair, dem Uefa-Urteil zu Folge waren sie ganz alleine Schuld, während die Engländer als „Engel“ dargestellt werden, wie der Stürmer Artem Dsjuba am Dienstag sagte.

Politisches Beben ausgelöst

Außerdem haben nach diesem Alle-Schuld-auf-die-Russen-Urteil gewaltsuchende Hooligans plötzlich eine unglaubliche Macht. Mit einem weiteren Übergriff können sie ein politisches Beben auslösen. Natürlich würde die russische Regierung bei einem EM-Ausschluss protestieren, womöglich Gegenmaßnahmen ergreifen, Drohungen aussprechen – es ist kein schönes Szenario.

Die Schläger darüber entscheiden zu lassen, ist daher ebenso gefährlich wie darauf zu vertrauen, dass die französischen Sicherheitskräfte in den kommenden Wochen bessere Strategien zur Trennung der Fangruppen parat haben als in Marseille. Und für das Turnier wäre es eine Katastrophe, wenn Gruppenspiele wegen Ausschreitungen annuliert werden müssten oder wenn Russland im Achtelfinale  die Schweiz oder gar die Ukraine schlägt und disqualifiziert wird.

Die Bewährungsstrafe ist ein Urteil, das auf den ersten Blick schlüssig erscheinen mag, die Russen haben noch eine Chance, das erscheint diplomatisch. Der Zwang, die Nation bei neuen Ausschreitungen nach Hause schicken zu müssen, könnte sich aber noch einmal als sehr kurzsichtig entpuppen.