Jupp Heynckes ist keine Lösung, sondern das Notfallprogramm für den FC Bayern. Ein Notfallprogramm, das vom deutschen Rekordmeister nun schon zum dritten Mal eingespielt wird. 2009 half Heynckes aus, nachdem Jürgen Klinsmann in seinem Erneuerungswahn aus den Mia-san-mia-Bayern die Buddha-Bayern gemacht hatte. 2011 folgte er dem Hilferuf von der Säbener Straße, nachdem Louis van Gaal in seinem Größenwahn mehrmals gegen das Grundgesetz des FC Bayern verstoßen hatte. In Artikel 1 steht da ja geschrieben: Die Größe des Uli Hoeneß ist unantastbar. Und auch nun konnte er nicht Nein sagen, nachdem sich für den geschassten Carlo Ancelotti auf die Schnelle kein allseits verträglicher Nachfolger hatte finden lassen.

Opfer der Hoeneß’schen Ungeduld

In Anbetracht dieser erstaunlichen Personalie drängen sich allerlei Fragen auf. Nummer eins: Warum tut sich der 72 Jahre alte Heynckes das an? Es ist ja nicht so, dass er in München nur Gutes erfahren hat. Bei seinem ersten Engagement bei den Bayern, von 1987 bis 1991, wurde er selbst zum Opfer der Hoeneß’schen Ungeduld, wurde bei der ersten kleine Krise entlassen, obwohl er einen personellen Umbruch erfolgreich gestaltet und immerhin zwei Meisterschaftstitel geholt hatte.

2013 wiederum – was leicht vergessen wird – wollte er ja eigentlich weitermachen, was allerdings vonseiten der Bayern nicht mehr gewünscht war, weil Hoeneß sich ja längst mit Pep Guardiola auf ein Miteinander verabredet hatte. Und mal ehrlich: Was gibt es für ihn nach dem Triple zum Abschied vor vier Jahren eigentlich noch zu gewinnen? Eine seltsame Mischung aus Freundschaft, Genugtuung und Lust an der Herausforderung muss das also sein, was Heynckes noch mal zu einem Ja-ich-mach‘s getrieben hat.

Mut zum Ungewöhnlichen

Nummer zwei: Was macht der FC Bayern eigentlich, wenn Heynckes dann doch mal Nein sagt oder sich gesundheitlich nicht mehr zum Nothelfen in der Lage sieht? Nun, auf diese Frage gibt es so leicht keine Antwort. Allerdings deutet sie auf eine fortwährende Problematik des Klubs hin. Zum einen fehlt den Bayern bei der Trainerwahl mitunter der Mut zum Ungewöhnlichen, was dazu führt, dass beim FC Bayern eigentlich nicht von einem Kandidatenkreis gesprochen werden kann.

Auch dieses Mal gingen die Überlegungen von Klubpräsident Hoeneß und Vorstandsboss Rummenigge ja offensichtlich nicht über Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann hinaus, obwohl man mit Trainerfreaks wie van Gaal und Guardiola grundsätzlich ja gute Erfahrungen gemacht hatte. Zum anderen ist es ihnen in den vergangenen Jahren nicht gelungen, ehemalige Profis über eine Trainertätigkeit im Nachwuchsbereich an die ganz große Aufgabe heranzuführen.

Hoeneß hat das letzte Wort

So wie das beim FC Barcelona der Fall ist, wo die Spielidee und die Werte des Klubs in einem geschlossenen Erbfolgesystem von Generation zu Generation übertragen werden. Im Endeffekt war da bei den Bayern immer nur der tüchtige Hermann Gerland, der auch immer den Eindruck vermittelte, dass er eher Notfallprogramm denn eine Lösung ist.

Am spannendsten ist allerdings Frage Nummer drei: Wie kommt Karl-Heinz Rummenigge damit klar, dass Hoeneß bei den ganz wichtigen Personalentscheidungen inzwischen wieder das letzte Wort für sich in Anspruch nimmt? Es sieht ja danach aus, dass Heynckes mit seinem bis zum Saisonende laufenden Vertrag nur ein Platzhalter für den Hoeneß-Liebling Nagelsmann ist.