Kommentar zu Rassismus bei der WM: Seid stolz auf den Erfolg, vergesst die Nation

Es ist eine offene und freundliche Seite, die die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland dieser Tage präsentiert. Fröhlich feiernde Menschen säumen die Straßen von Moskau, St. Petersburg, Sotschi oder Kasan. Arm in Arm jubeln Fans des Gastgebers mit Kolumbianern, Südkoreanern, Peruanern und Nigerianern. Keine Spur von den gefürchteten russischen, englischen oder auch deutschen Hooligans. Kaum eine Spur vom verbissenen Nationalismus Einzelner.

Die andere Seite des Turniers sind die Kommentarspalten der sozialen Netzwerke. Jene Parallelwelt, die schon seit Jahren kein rechtsfreier Raum sein sollte und doch immer wieder Platz für Hass und verbale Gewalt schafft.

Drei Beispiele für Rassismus bei der WM

Hier wird der dunkelhäutige Brasilianer Fernandinho für sein Eigentor im Viertelfinalspiel gegen Belgien mit dem Tode bedroht und rassistisch beleidigt - so schwer, dass seine Mutter seinen Instagram-Account sperren muss, weil die Flut der Beleidigungen nicht mehr zu kontrollieren und zu löschen ist.

Hier wird der Schwede Jimmy Durmaz als "Selbstmordattentäter" beleidigt und ebenfalls mit dem Tode bedroht, außerdem seine Familie verbal angegriffen, weil er Deutschlands Timo Werner im Gruppenspiel foult und das DFB-Team in der Folge zum Sieg trifft.

Hier wird mit Mesut Özil ein deutscher Spieler mit türkischen Wurzeln als Sündenbock für das Vorrundenaus der Nationalelf ausgemacht, weil er sich im Vorfeld der WM mit dem Despoten Recep Tayyip Erdogan fotografieren lässt.

Es sind nur drei von zahlreichen Fällen, bei denen während oder vor der WM Spieler aufgrund von Herkunft oder Hautfarbe kritisiert, beleidigt oder gar bedroht werden. Die breite Öffentlichkeit reagiert unterschiedlich: Fernandinho springen wohlwollende Kommentatoren bereits in den sozialen Netzwerken zur Seite, Durmaz erhält nach einem bewegenden Statement vor der Presse Applaus von seinen Mitspielern und von Fußballfans weltweit. Özil hingegen wird den deutschen Medien vom DFB zum Fraß vorgeworfen, Unterstützung gegen die Anfeindungen erhält er keine.

Rassismus und Nationalismus haben die Stadien nie verlassen

Alle Fälle zeigen jedoch auch: Rassismus und festgefahrener Nationalismus haben die Stadien nie verlassen. Die Affenlaute, die in den Neunzigern noch direkt auf dem Fußballfeld auf die farbigen Spieler niedergingen, sind nicht vertrieben worden, sondern sie sind weiter gezogen in die Halb-Anonymität der sozialen Netzwerke. Hier blüht die als Nationalstolz getarnte Abneigung gegenüber allem, was anders oder vermeintlich fremd ist und angeblich der eigenen Nation schadet.

Hier entbrennt eine hitzige Diskussion über Spieler einzelner Nationalteams, die die Hymne ihres Landes nicht mitsingen - jenes verstaubte Relikt der fernen Vergangenheit also, das zu einer Weltmeisterschaft plötzlich zum entscheidenden Symbol für Patriotismus wird, obwohl so mancher ihren Text vor dem ersten Gruppenspiel wohl erst einmal googlen muss.

Hier ist Romelu Lukaku aus solchen oder noch nichtigeren Gründen plötzlich wieder ein "belgischer Kongolese", Karim Benzema seit jeher nur Franzose, wenn er Tore schießt - und ansonsten nur der "Araber". Und hier sind die einstigen DFB-Nationalhelden Ilkay Gündogan und Mesut Özil "Deutsch-Türken", Sami Khedira wieder "Deutsch-Tunesier" und Jerome Boateng der ungeliebte, dunkelhäutige, volltätowierte Nachbar.

Keine Unterstützung für die Vereine

Es ist ein Trugschluss, dass Rassismus und Nationalismus im Jahr 2018 im Fußball keinen Platz finden. Weil die Verbände ihre Vereine mit dem Problem alleine lassen und, ähnlich wie im Fall Özil, lieber selbst verteufeln, statt zu helfen und damit den Populisten in die Hände spielen. Weil Vereine ihre soziale Verantwortung aus wirtschaftlichen Gründen hintenanstellen.

Vor allem aber, weil Rassismus und Nationalismus in der Gesellschaft noch immer so tief verankert sind, dass einem übel wird. Und man sich nach Zeiten sehnt, in denen ein Erfolg wie der Weltmeistertitel der vielseitig verwurzelten DFB-Elf von 2014 zumindest kurzfristig für ein Gefühl von Einheit sorgte. Nicht einheitlich Deutsch, sondern einheitlich glücklich und stolz, auf eine Errungenschaft und keine Hautfarbe oder Nationalität.