Deutschlands ranghöchster Politiker bei den Winterspielen gab sich leger. Im roten Pullover setzte sich Innenminister Thomas de Maizière vor die Kameras und Mikrofone. Der Gastgeber erhielt sein Lob: „Die Olympischen Spiele gehören nach Meinung der Sportler zu den bestorganisierten, die sie je erlebt haben“, auch wenn de Maizière „etwas das Überschwängliche von Vancouver und London fehlte“.

Der CDU-Politiker schwärmte zur Halbzeit der Spiele auch von den deutschen Leistungen. „Die bisherige Bilanz ist, was Gold angeht, sehr gut. Was die Medaillenzahl angeht, gut“, sagte er. Und wollte sich dann aber zu den Defiziten nicht weiter auslassen, als beginne vor allen Dingen bei den Schwächen die Autonomie des Sports, die der stets für sich reklamiert, auch wenn er das Geld vom Bund gern nimmt. Und zu den 130 Millionen Euro pro Jahr gern künftig auch noch dauerhaft 40 Millionen Euro Nachschlag hätte. In der Frage allerdings streute de Maizière ganz beiläufig eine vom Vorgänger schon gepflegte Absage ein: „Die Bäume wachsen nicht in den Himmel.“

Als er zur Lage der Sportnation sprach, hatten deren Wintersportler sie mit sieben Gold-, zwei Silber- und drei Bronzemedaillen an die Spitze des Medaillenspiegels katapultiert. Gleichwohl vermag die Tabelle der Olympischen Sommerspiele von Sotschi nicht über die Schwächen hinwegzutäuschen. Dem Skiverband sind die für sein Marketing zuverlässigsten Säulen weggebrochen: Die Biathleten haben in der Vorwoche nur eine Silbermedaille gewonnen, die Skispringer sind ganz leer ausgegangen.

Wintersport für Fernsehdinosaurier

Trotz des immensen Aufwands für die vier deutschen Eiskanäle, bei denen nur die Sanierung der Bahn am Königssee 25 Millionen Euro gekostet hat, gingen die deutschen Skeletoni leer aus. Der Eisschnelllaufverband bekam aufgezeigt, dass die Konzentration auf eine 41 Jahre alte Claudia Pechstein mit Rundumwohlfühlpaket samt Lebensgefährten im Olympiakader eher kein zukunftsträchtiges Projekt ist. „Offen und ernst“ will der Leistungssportdirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Bernhard Schwank, nun mit der schlecht geführten Eisschnelllauf-Gemeinschaft reden.

Auffälligstes deutsches Merkmal der ersten Woche ist die einseitige Ausrichtung auf konservative Disziplinen. Jede Innovationsfreude des nicht gerade für seinen Reformeifer bekannten Internationalen Olympischen Komitees ist an den Deutschen spurlos vorüber gegangen. Einige Action-und Artistik-Wettbewerbe sind seit 20 Jahren im olympischen Programm, und doch scheinen deutsche Sportfunktionäre sie in Sotschi gerade erst zu entdecken. Den jungen Sportarten fehlt die Lobby. ARD und ZDF senden jedes Wochenende lange Wintersportstrecken. Nur richten die sich zwangsläufig an die Kernklientel der gebührenfinanzierten Fernsehdinosaurier: das Ü50-Publikum, wenn nicht Ü60.

Für den Skiverband reklamiert der erst kürzlich an die Spitze des DOSB aufgerückte frühere Präsident Alfons Hörmann, er habe das Problem in der Analyse von Vancouver 2010 erkannt und angegangen. Nur reichten vier Jahre eben nicht. Wie sehr sich die Freestyle-Skifahrer seiner Rückendeckung erfreuen konnten, zeigen die nackten Zahlen. Eine halbe Million Euro jährlich investiert der DSV in die moderne Ära, ein Zehntel der Ausgaben für Alpinski. Auch den Snowboardfahrern fehlt in Deutschland eine Halfpipe. Sie würde ein Zehntel so viel kosten wie die Sanierung der Königssee-Bahn.