Wenn sich zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine Kluft auftut, dann kommt es früher oder später zur Katastrophe. So wie im Fall des 49-jährigen Fußballlehrers Michael Frontzeck, der ungeachtet der nicht allzu prächtigen Wirklichkeit gegenüber der Klubführung des FC St. Pauli offensichtlich einen viel zu kecken Anspruch ins Feld geführt hatte.

Frontzecks Wirklichkeit nach 40 Pflichtspielen mit dem Zweitligisten: 15 Siege, zehn Unentschieden, 15 Niederlagen. Frontzecks Anspruch: Verlängerung seines im Sommer 2014 auslaufenden Vertrages um zwei Jahre − das aber bitte sofort. Frontzecks Katastrophe: seine sofortige Beurlaubung.

Man wolle sich nicht unter Druck setzen lassen, erklärte Klubpräsident Stefan Orth gestern Vormittag die überraschende Trennung auf einer eiligst einberufenen Pressekonferenz, und überhaupt: „Der FC St. Pauli wird nie einem Ultimatum nachgeben.“ Die Entscheidung sei nach einer nächtlichen Krisensitzung einstimmig gefallen, führte Orth weiter aus, also auch mit der Stimme von Manager Rachid Azzouzi, der sich vor 13 Monaten mitten im Abstiegskampf für die Verpflichtung des ehemaligen Bundesligaprofis stark gemacht hatte und Frontzeck nun Folgendes mit auf den Weg gab:

„Der Klassenverbleib war zu großen Teilen Michaels Verdienst. Wir waren auch jetzt auf einem wirklich guten Weg. Aber er hat uns überrascht. Er hat gesagt, wenn wir jetzt nicht verlängern, dann macht er hier im Sommer nicht weiter. Da wollten wir einen klaren Schnitt.“ Der Geschasste hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon in diversen Medien zu Wort gemeldet, unter anderen mit dieser Aussage: „Es war überraschend − nicht nur für mich, sondern auch für die Leute, die mit mir zusammenarbeiten, und für die Mannschaft. Aber es ist halt manchmal so.“

Rückkehr ans Millerntor?

So gut wie die einen (Frontzeck) oder anderen (Azzouzi und Orth) zu Beginn der Zusammenarbeit glauben wollten, hatten Frontzeck und der FC St. Pauli ohnehin nicht zueinandergepasst. Denn dieser FC St. Pauli, der sich in den vergangenen Jahren dank einer cleveren Marketingstrategie vom beliebten Außenseiterklub zum populären Hipsterklub gemausert hat, braucht mittlerweile eben mehr als nur einen Trainerarbeiter.

Er braucht eine etwas schräge, aber dennoch zeitgemäß denkende und handelnde Figur auf der Bank, die mit ihren Emotionen zuerst die Mannschaft, dann aber auch vor allem die Kurve erreicht. Insofern liegt der Verdacht nahe, dass Frontzecks Vorstoß im Vertragspoker der Klubführung doch sehr gelegen kam.

Vielleicht eben auch, um Holger Stanislawski zurück ans Millerntor zu holen. Den Ober-St.-Paulianer, der nach einer sechsmonatigen mehr oder weniger freiwilligen Auszeit bestimmt wieder genug Energie für seine große Liebe gesammelt haben dürfte. Azzouzi sagte: „Ich bitte um Verständnis, dass wir zu Namen nichts sagen. Wir müssen das jetzt erst mal sacken lassen.“