Hamburg/Köln - Dass er es nicht lassen kann, ist keine Neuigkeit. Und er hat es wieder einmal getan.

Die 73. Minute des Bundesliga-Spiels zwischen dem Hamburger SV und dem FC Bayern München am Samstagnachmittag. Es steht noch 0:0, zwölf Minuten zuvor ist Franck Ribéry eingewechselt worden, und schon zeigt der Franzose einen für ihn längst üblichen Reflex, wenn er Gegenspieler als zu aufdringlich empfindet: Er vergeht sich am Gesicht des Kontrahenten. Mit einem beherzten Griff kneift er Nicolai Müller in die Wange. Später wird Müller die Szene herunterspielen, und dramatisch ist sie nicht, aber eben doch eine Tätlichkeit. Schiedsrichter Felix Zwayer hat alles gesehen. Also kann es nur eine Konsequenz geben: Gelbe Karte.

Es geht schließlich um Franck Ribéry.

Wenn andere vom Platz gestellt würden, wird Ribéry in der Regel nur ermahnt oder verwarnt. Ein Rückblick: Am 14. August dieses Jahres liefert sich Ribéry im Spiel um den Supercup gegen Borussia Dortmund einen Zweikampf mit Felix Passlack – der Franzose holt erst mit der Hand nach seinem Gegenspieler aus und langt dann mit dem Ellbogen in dessen Gesicht. Gelbe Karte.

Im DFB-Pokalfinale der vergangenen Saison – ebenfalls gegen den BVB – krallt er seine Hand während eines Disputs an der Außenlinie ins Gesicht von Gonzalo Castro und drückt dem Dortmunder einen Finger ins Auge. Gelbe Karte. Im Champions-League-Finale der Saison 2013 schlägt Ribéry – auch damals gegen den BVB – seinem heutigen Mitspieler Robert Lewandowski als Konsequenz für ein Foul des Polen mit dem Ellbogen ins Gesicht. Es gibt Freistoß für die Bayern. Mehr nicht.

Diese Situationen unterscheiden von solchen wie im April 2014, als Ribéry Daniel Carvajal von Real Madrid ohrfeigte – Szenen wie diese wurden von den Schiedsrichtern nicht bemerkt, das kann passieren und dafür gibt es nachträgliche Ermittlungen auf Basis der Fernsehbilder. Wenn die Schiedsrichter aber – wie am Samstag im Spiel gegen den HSV und in den im vorherigen Absatz aufgeführten Beispielen – sehen, was Ribéry sich leistet, dann kann es keine plausiblen Gründe dafür geben, den 33-Jährigen nicht vom Platz zu stellen.

Vermutlich, weil er keine Konsequenzen für sein Handeln – Platzverweise, Sperren, möglicherweise Geldstrafen – tragen muss, macht Ribéry einfach weiter. Auf schräge Weise ist das ja sogar verständlich: Warum das Temperament zügeln, wenn offenbar keine Sanktionen drohen? Das besonders Blöde aus Sicht der jeweiligen Gegner: Weil Ribéry noch immer ein hervorragender Fußballspieler ist, ist es oft umso ärgerlicher, dass er für Tätlichkeiten nicht vom Platz gestellt wird, weil er dann Spiele wie das gegen den HSV mit seiner Vorarbeit zum 1:0-Siegtreffer der Bayern durch Joshua Kimmich in der 88. Minute mitentscheidet.

Die Regelmäßigkeit seiner Kontrollverluste lässt die Prognose zu, dass Ribéry die Gesichter seiner Gegenspieler weiterhin wie einen zweiten Spielball behandeln wird, an dem er sich austoben kann, wenn ihm danach ist. Vielleicht geht alles einfach weiter wie bisher. Also auch der Reputationsverlust des jeweiligen Schiedsrichters.