Kommentar zum erneuten DFB-Aus: Die große innere Leere

Die Inkonstanz hält an. Deutschlands Fußball-Nationalelf  konnte ihr Potenzial wieder nicht ausschöpfen und enttäuschte sportlich nicht zum ersten Mal.

Deutschland hat den Einzug ins WM-Achtelfinale wieder verpasst.
Deutschland hat den Einzug ins WM-Achtelfinale wieder verpasst.dpa/Federico Gambarini

Am 30. Juni 1996 fing ich an, mich so richtig für Fußball zu begeistern. Es war mein achter Geburtstag, die ganze Familie saß in der Wohnung meiner Eltern versammelt vor dem Fernseher und schaute sich elektrisiert das spannende Finale der Europameisterschaft 1996 an, das Deutschland in der Verlängerung durch das Golden Goal vom heutigen Nationalteam-Manager Oliver Bierhoff mit 2:1 gewann.

Diese begeisternde Atmosphäre und die umgreifende  Glückseligkeit habe ich bis heute nicht vergessen. Während ich diese Zeilen schreibe, blitzen schöne Bilder von damals in meinem Kopf auf, so tiefe Spuren hat dieser Tag bei mir hinterlassen.

Seit diesen Momenten bin ich Fan der DFB-Auswahl und habe nahezu jedes Länderspiel gesehen.

Oliver Bierhoffs Golden Goal im EM-Finale 1996 machte mich zum Fußballfan.
Oliver Bierhoffs Golden Goal im EM-Finale 1996 machte mich zum Fußballfan.imago/Pressefoto Baumann

Auch den 4:2-Sieg bei der Weltmeisterschaft 2022 gegen Costa Rica. Es war für mich ein weiterer Rückschlag, der mich traurig stimmte und noch immer stimmt. Wie schon zum Auftakt, beim 1:2 gegen Japan, startete die deutsche Elf schwungvoll sowie dynamisch und erreichte fast, dass ich wieder richtig gebannt vor dem Fernseher gesessen hätte. Aber eben nicht ganz.

Denn nach der Führung wurde das Team von Trainer Hansi Flick nachlässig und baute einen doch ziemlich schwachen Gegner durch erneut wahnwitzigen Chancenwucher und defensive Nachlässigkeiten auf. Das war leichtsinnig und ist ein Muster, das sich seit Jahren auf entnervende Weise wiederholt.

Das große Potenzial der Spieler scheint immer wieder durch. Konstant abrufen können sie es (im Nationaldress) aber nicht. Das hat auf mich große Auswirkungen. So sehr ich es in der jüngeren Vergangenheit auch versuche, es fällt mir immer schwerer, mich auf einem tiefer gehenden Level mit der DFB-Elf zu identifizieren.

Wie bei einer TV-Serie, die mit starken ersten Staffeln startet, bevor die Qualität sinkt und das Interesse mit der Zeit nachlässt, bis es gänzlich erloschen ist. So geht es mir gerade mit der DFB-Auswahl, bei der für mich viele Fragen offen bleiben und die sich für mich auch nicht lösen lassen.

Der gebürtige Berliner Antonio Rüdiger verlieh der deutschen Abwehrkette eigentlich nur gegen Spanien durchgängig Stabilität.
Der gebürtige Berliner Antonio Rüdiger verlieh der deutschen Abwehrkette eigentlich nur gegen Spanien durchgängig Stabilität.dpa/Christian Charisius

Leistungsträger im Verein, Mitläufer in der deutschen Nationalelf

Joshua Kimmich, Ilkay Gündogan, Antonio Rüdiger sowie Kai Havertz - und das sind nur einige - beweisen sich in den besten Ligen der Welt bei Spitzenvereinen und sind dort oft prägende Akteure ihrer Mannschaften. Sie verfügen über Weltklasse-Fähigkeiten und sind Unterschiedsspieler.

Von denen besitzt Deutschland auf vielen Positionen - im Tor, in der Innenverteidigung, im Mittelfeldzentrum und auf den offensiven Außenbahnen - gleich mehrere. Umso mehr verwundert es mich immer wieder, wie viele individuelle Fehler diesen so talentierten Akteuren unterlaufen und wie oft es Abstimmungsprobleme gibt, obwohl man teilweise seit vielen Jahren regelmäßig zusammenspielt.

Was mich besonders nachdenklich stimmt, ist, dass einem Großteil der Profis nach den Misserfolgen und Rückschlägen der zurückliegenden Jahre das Herz in die Hose zu rutschen scheint, sobald sie das deutsche Dress anziehen.

Das unerschütterliche Selbstverständnis, Selbstbewusstsein und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten sind seit einigen Jahren nicht mehr da. Die Mentalität, die die DFB-Mannschaften von 2002, 2006 und 2014 auszeichneten, fehlt ebenfalls.

Ein psychisch starker Leader wie Bastian Schweinsteiger (mit dem WM-Pokal in den Händen) fehlt dem DFB-Team momentan.
Ein psychisch starker Leader wie Bastian Schweinsteiger (mit dem WM-Pokal in den Händen) fehlt dem DFB-Team momentan.dpa/Andreas Gebert

DFB-Team verspielt bei den Fans immer mehr Kredit

Auch, weil die Grundtugenden viel zu oft fehlen, die Verantwortlichen sich immer wieder in Ausreden sowie Schönrederei flüchten und die Leader ihre Rollen nicht wie erhofft ausfüllen, haben sich in der jüngeren Vergangenheit viele Fans abgewendet.

Länderspielpausen werden oft als nervige Unterbrechung des Vereinsfußballs angesehen und nicht als etwas, auf das man sich freut. Wenn man dann noch vor heimischer Kulisse mit 1:2 gegen Nordmazedonien (31. März 2021) und mit 0:1 gegen Ungarn (23. September 2022) verliert, bleibt das eher im Gedächtnis, als ein 2:0-Sieg gegen Israel (26. März 2022) oder ein 4:1-Erfolg in Armenien (14. November 2021).

Aktuell ist die verachtenswerte, aber leider auch irgendwo verständliche Schadenfreude wieder aus allen Ecken zu spüren, auf die Spieler und Verantwortlichen wird verbal mit Verve draufgehauen. Das ist schade, denn ich empfinde nach dem erneuten Vorrunden-Aus eher eine große innere Leere.

Das Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit hatte sich schon während der Partien gegen Japan und Costa Rica eingestellt. Durch die Ergebnisse der vergangenen Jahre ist bei mir das lange Zeit vorhandene Urvertrauen in die Fähigkeiten der DFB-Auswahl verlorengegangen.

Für viele deutsche Fans ist der Traum von einer sportlich schönen WM vorzeitig geplatzt.
Für viele deutsche Fans ist der Traum von einer sportlich schönen WM vorzeitig geplatzt.dpa/Christian Charisius

Viele Länder - wie Japan - haben sich fußballerisch stark entwickelt

Deshalb war Deutschland für mich vor Turnierbeginn eine Wundertüte. Mit diesem Wissen und dieser Überzeugung warnte ich in meiner Analyse vor dem ersten deutschen Gruppengegner, „den Samurai Blue“.

Und das nicht nur, weil ich die Entwicklung des japanischen Fußballs beeindruckend finde und die J-League sowie die Top-Fußballer des Landes seit langer Zeit interessiert verfolge, sondern wegen der unerklärlichen deutschen Leistungsschwankungen.

Nur beim 1:1 gegen Spanien flackerte die Klasse und das Niveau, die für mich zweifelsohne in den Spielern stecken, konstanter auf. Davon abgesehen war es mal wieder ein nervenaufreibendes Auf und Ab. Das reicht im heutigen Spitzenfußball schon lange nicht mehr und wird bei einer WM gnadenlos bestraft.

Doch genau da gibt es eine große Diskrepanz. Im deutschen Selbstverständnis zählen wir noch immer zu den besten Fußballnationen der Welt. Allerdings haben viele andere Länder - wie Japan - sich exzellent entwickelt, Rückstand aufgeholt und sorgen bei diesem Turnier für Überraschungen. Siehe auch Marokko oder den 2:1-Sensationssieg von Saudi-Arabien gegen Argentinien.

Jamal Musiala war in der DFB-Elf einer der Lichtblicke, auch wenn er vor dem Tor unglücklich agierte. Doch dem Youngster war der Wille, etwas bewegen zu wollen, anzumerken.
Jamal Musiala war in der DFB-Elf einer der Lichtblicke, auch wenn er vor dem Tor unglücklich agierte. Doch dem Youngster war der Wille, etwas bewegen zu wollen, anzumerken.dpa/Tom Weller

Deutschland muss nach einer grundlegenden Analyse der drei Spiele vor allem daran arbeiten, dass die Grundtugenden wieder in jeder Partie zu spüren sowie zu sehen sind und dass die exzellenten Individualisten endlich wieder zu einer echten Einheit zusammenwachsen.

Denn auch dieser entscheidende Punkt geht dem „Team“ zu oft ab. Der einzige Vorteil der aktuell negativen Stimmungslage: Viel schlechter kann es in der nahen Zukunft ja eigentlich nicht mehr laufen ...