Kommentar zum Trainerwechsel beim 1. FC Union Berlin: Norbert Düwel ist nicht der einzige Verlierer

Konkurrenzdruck war das Mittel der Wahl von Norbert Düwel im Umgang mit seinem Team. Vertrauensboni gab es nicht, egal wie ruhmreich die Vergangenheit der Spieler war. Nun hat das Leistungsprinzip das nächste Opfer gefordert: ihn selbst. Mit der Entlassung von Düwel will der 1. FC Union seine ambitionierten Ziele retten.

Der 47-jährige Coach, dessen erstes Engagement als Cheftrainer nach weniger als der Hälfte der vereinbarten Zeit scheitert, hinterlässt eine Mannschaft, die schlechter dasteht, als unter seinem Vorgänger Uwe Neuhaus. Ein Empfehlungsschreiben ist das nicht. Doch ist er nicht der einzige Verlierer. Die Glaubwürdigkeit der Klubführung leidet, und die Fans müssen akzeptieren, dass die Zeit als Arbeiterklub vorbei ist.

Nach dem sechsten Saisonspiel ohne Sieg, hatte Düwel weiter von der positiven Entwicklung gesprochen, die er zu beobachten glaubte. Im Zeitlupentempo führte sie von unten an ein Leistungsniveau heran, das in der zurückliegenden Rückrunde bereits übertroffen worden war. Düwel hat es weder geschafft, die Erwartungen des Vereins zu erfüllen noch den eigenen Anspruch.

Sein Wunschsystem funktionierte auch im zweiten Anlauf nicht, obwohl er den Kader in dieser Sommerpause nach seinen Vorstellungen umgestalten konnte. Hatte er im Vorjahr noch neun Spieltage an der Dreierkette festgehalten, kehrte er nun bereits nach zwei Runden zur Viererreihe zurück. Er verkaufte die wiederholten Veränderungen als Gewinn: Flexibilität ist Trumpf. Der Klubchef entschied sich offenbar, es anders zu interpretieren: als Chaos.

Transferversagen auf der ganzen Linie

Schwer wiegt vor allem das Transferversagen. Neun Spieler hat Düwel vor dieser Saison geholt. Gegen Leipzig stand nur einer in der Startelf, zwei waren nicht einmal im Kader. Spieler wie Stephan Fürstner wurden als Führungskräfte geholt, und endeten schnell im Ergänzungsspielerroulette. Die fehlende Konstanz entsprach den Leistungsschwankungen auf dem Feld. „Mit Mut und Konsequenz“ habe Düwel vieles umgesetzt, sagte Klubboss Dirk Zingler zum Abschied. Eine äquivalente Formel lautet: Er hat sich stets bemüht.

Zingler ist niemand, der im Affekt handelt. Er ist getrieben vom unternehmerischen Kalkül. Sicherlich hat er einen Nachfolger im Blick, und die Länderspielpause eignet sich für den Tausch. Testspiele und Trainingslager sind ohnehin gebucht. Gleichzeitig offenbart die Entlassung, dass es mit der Geduld nicht so weit her ist, wie angekündigt. Gerne hat der Präsident in vergangenen Monaten betont, dass es sich um ein langfristiges Projekt handele. „Es geht uns nicht darum, den Aufstieg kurzfristig zu erzwingen, sondern aus den gegeben Möglichkeiten das Optimum herauszuholen“, hatte er bei Düwels Vorstellung gesagt. Aus den langfristigen drei Jahren wurden nur kurzfristige 14 Monate.

Das Auf und Ab war jahrelang Union-Normalität. Jetzt hat die Leidensfähigkeit als Kitt ausgedient. Das Ausbleiben von Weiterentwicklung ist zum Kündigungsgrund geworden. Union ist kein Arbeiterverein mehr, sondern ein Unternehmerverein. Der nächste Trainer weiß, egal welche salbenden Worte bei seiner Vorstellung gesprochen werden: Union will einen Aufstiegstrainer. Jetzt. Union droht zu vergessen, dass Leistung auch auf Vertrauen basiert.