Kommentar zum zweiten WM-Halbfinale: Manchmal ist das Unvollendete schöner

Die Alten sind nochmal davongekommen. Die Jungen können trotzdem stolz sein. Sie haben Geschichte geschrieben - so oder so. Die gesetzten Herren aus Kroatien treffen im WM-Finale auf Frankreich.

Das ist fraglos verdient. Dieses zweite Halbfinale war ein Sieg der Konzentration, der Etablierten um Luca Modric.

Über sechzig Minuten lang hat ein junges, engagiertes Team von der Insel alles richtig gemacht: Nach sieben Minuten trifft Trippier präzise per Freistoß, chippt feinfühlig den Ball unter die Latte. Dann stimmt lange alles, Körpersprache, Taktik, Aggressivität. Man kann sogar „Kick and Rush“-Reminiszenzen in der Strategie von Understatement-Trainer Gareth Southgate erkennen - und das gut, sehr sympathisch finden. Auf quirlige, hoch talentierte Spieler wie Raheem Sterling können die Fans zu recht stolz sein. 

Treffende abgedroschene Phrase

Dann schwindet der kollektive Fokus. Kyle Walkers verunglückter Flugkopfball-Versuch in der 68. Minute ermöglicht einem bis dahin eher sparsamen Stürmer Ivan Perisic den Ausgleich zum 1:1.

Die Kroaten übernehmen in den folgenden Minuten. Stones verliert in der Verlängerung schließlich ein Kopfballduell im eigenen Strafraum. Mario Mandzukic ist da und trifft. Dann zeigen die geduldigen Alten den Jungen, wo es langgeht. Selten war die vermeintlich abgedroschene Phrase vom „Spiel, das im Kopf entschieden wird“ treffender. Cleverness siegt.

Und doch gibt es einen neuen, feinen englischen Fußball, der fast völlig ohne die großen, überbezahlten Premier-League-Superstars entstanden ist. Ein Team aus vielen Ersatzspielern hat gezeigt, das es Geschichte schreiben kann. Es ist eine schöne Erzählung, die bleiben wird. Manchmal ist das Unvollendete schöner als das Titel-Trara.

Das Elfmeterschießen gegen Kolumbien, die entspannten Gesichter der Spieler, die Erleichterung wird kaum ein englischer Fußballfan je vergessen. 

Damit einher geht jetzt auch eine ernst zu nehmende Warnung gen Zukunft gerichtet: Hey, Wir können Elfmeter. Well done, England. Und über die Sache mit dem Brexit reden wir nochmal.