Kommentar zur Debatte um „Wir helfen“: „Bild“ hilft nur sich selbst

Europa streitet nun schon so lange, wie es bloß umgehen soll mit den vielen Menschen, die täglich zu uns kommen. Weil sie es in ihrer Heimat, wo Krieg und Vertreibung, Hunger oder Armut herrschen, nicht mehr aushalten. Weil sie besser leben oder besser: überleben wollen. Zurzeit streitet Europa darüber, ob es diese Menschen mit offenen Armen oder geschlossenen Grenzen empfangen soll. Und ob es etwa eine Flüchtlingsquote geben muss, die regelt, wer wen und wie viele aufnimmt. Der Profifußball scheint da bereits einen Schritt weiter zu sein als die Berufspolitik. Es gibt eine erste Quote, sie lautet: 2:34.

Die Bundesliga, ein Ort der Toleranz?

34 Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga wollen an diesem Wochenende ein sogenanntes Zeichen setzten. Sie werden auf ihren Trikotärmeln die Botschaft „Wir helfen“ tragen, dazu den Hashtag #refugeeswelcome, und darunter wird das Logo des Speditionsunternehmens Hermes zu sehen sein – und das der Bild-Zeitung natürlich. Dazu muss man wissen: Hermes hat zugunsten dieser Bild-Aktion auf die alleinige Werbepräsenz verzichtet. Die Bundesliga ist in ihrer Wahrnehmung also mal wieder ein Ort der Toleranz, des Fair Play, der Offenheit. Man erinnert sich noch an die Brustaufschrift „Mein Freund ist Ausländer“ (1993) oder an „Mach einen Strich durch Vorurteile“ im vergangenen März.

Auf Ärmelzipfelgröße geschrumpft

Die neue Aktion – leider nur auf Ärmelzipfelgröße geschrumpft – ist erst mal begrüßenswert. Fußball hat in unserer Gesellschaft einen hohen bis überhöhten Stellenwert, und er ist entgegen allen anders lautenden Behauptungen sehr wohl politisch. Fußball hat daher einen gesellschaftspolitischen Auftrag, den jeder Vereinskonzern in seinem Leitbild für sich definiert und danach handelt, manchmal nur symbolisch. Man tut ja gern etwas Gutes. Und man hat es auch gern, wenn darüber berichtet wird. Der Unterschied zwischen CSR und PR ist manchmal gar keiner.

Wer hilft hier wem?

Doch so begrüßenswert die Aktion auch sein mag, es gibt Fragen: Wer hilft hier eigentlich wem? Die Bundesliga den Flüchtlingen? Hermes der Bild? Oder nur die Bild sich selbst? Die Antworten: 34 Vereine wähnen sich als eine Art Flüchtlingshelfer, und die Bundesligastadien sind ihre Bühne, auf der sie sich im Zweifel links positionieren. Nur zwei wollen keine Helfershelfer sein. Der 1. FC Union wird seinen Trikotärmel nicht neu beflocken. Statement: „An der für den kommenden Bundesligaspieltag geplanten Aktion einer Boulevardzeitung wird der 1.FC Union Berlin hingegen nicht teilnehmen.“ Der Verein, der ja mit dem Bildkonkurrenten Berliner Kurier als Medienpartner zusammenarbeitet, will geflüchteten Menschen lieber eine Immobilie in unmittelbarer Stadionnähe als Winterquartier zur Verfügung stellen. Und der zweite Verweigerer ist der aus Überzeugung linke FC St. Pauli. Und die wollten das eigentlich im Stillen tun. Informierten darüber nur Bild und DFL.

St. Pauli boykottiert „WIR HELFEN“

Doch dann twitterte Chefredakteur Kai Diekmann: “Darüber wird sich die @AfD_Bund freuen: Beim @fcstpauli sind #refugeesnotwelcome.“ Und: „Kein Herz für Flüchtlinge: Schade eigentlich, @fcstpauli! #refugeesnotwelcome." St. Pauli boykottiert „WIR HELFEN“. Die Logik dahinter ist bizarr: Wer nicht für die Bild ist, ist gegen Flüchtlinge. Doch wer Diekmanns Bild kennt, der weiß, was sich hinter der aktuellen Solidarität mit Flüchtlingen verbirgt.

Der Kiezklub hat eben seine eigene Vorstellung, was die Menschen brauchen, die täglich zu uns kommen. Und er engagierte sich schon zu einer Zeit, als die Bild noch vor Überfremdung und kriminellen Ausländern warnte. Der Hashtag refugeeswelcome ist für die Hamburger keine Mode, der man plötzlich folgt, nur weil alle es tun. Was allerdings nicht heißen soll, dass die anderen nichts tun würden. Alle Bundesligaklubs helfen mit Sachspenden, laden Flüchtlinge in ihre Stadien ein, organisieren Fußballcamps.

Die Reaktionen auf Diekmanns Reaktion und die vielen Fanaufrufe, ihre Vereine sollen auch nicht an der Aktion teilnehmen, zeigen, dass es im Grunde um etwas anders geht. Es geht um die Frage, ob man zum Teil einer Kampagne wird, die darauf ausgelegt ist, zuerst einem Selbstzweck zu dienen und danach (vielleicht) zu helfen. Ob also ein – nennen wir es einfach mal böses – Boulevardblatt etwas Gutes tun kann.