Kommentar zur DFB-Posse: Rückgratloser Reinhard Grindel setzt Mesut Özil unter Druck

Das Thema Mesut Özil verkommt für den Deutschen Fußball-Bund endgültig zur peinlichen Posse. Verbandspräsident Reinhard Grindel fordert nun - knapp zwei Monate nach den Erdogan-Fotos - in einem Interview Özil zu einer öffentlichen Erklärung auf. Er setzt den Mittelfeldspieler unter Druck, die Zukunft Özils in der deutschen Nationalmannschaft steht auf dem Spiel. Damit treibt der DFB-Boss das rückgratlose Verhalten des Verbandes auf die Spitze. 

Erst ist Teammanager Oliver Bierhoff nach Wochen des Verharmlosens Mesut Özil in den Rücken gefallen mit seiner Aussage in der Zeitung Die Welt, man hätte überlegen sollen, ob man auf den Mittelfeldspieler des FC Arsenal bei der WM nicht hätte verzichten sollen. Wohl überlegt war das und natürlich von der DFB-Pressestelle autorisiert. Dann mühte sich Bierhoff, den entfachten Sturm einzudämmen, indem er plötzlich doch kundtat, falsch verstanden worden zu sein. Ein kläglicher Versuch, basierend auf der Erkenntnis, dass es in Deutschland wohl nicht nur Özil-Hasser gibt, sondern auch jene, die sich am Umgang des DFB mit der Sache stören. 

Beim DFB-Chef scheint Bierhoffs Mühen um Besänftigung wohl nicht angekommen zu sein. Im am Montag erscheinenden Magazin Kicker legt Grindel jetzt nach: „Es stimmt, dass sich Mesut bisher nicht geäußert hat. Das hat viele Fans enttäuscht, weil sie Fragen haben und eine Antwort erwarten. Diese Antwort erwarten sie zu Recht. Deshalb ist für mich völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte.“

Chaotisches Nebeneinander im DFB

So eine Äußerung offenbart auch das chaotische Nebeneinander und zuweilen sogar Gegeneinander der Verantwortlichen beim DFB. Schließlich hatte Bierhoff bei seinen Auslassungen immerhin darauf hingewiesen, dass von Özil die gewünschte öffentlich-mediale Distanzierung nicht zu erwarten sei, da große Teile seiner Familie schließlich in der Türkei lebten. Jetzt fordert Grindel genau dies. Der Verbandschef schüttet Öl ins Feuer, um selbst in einem guten Licht zu stehen. 

Hintergrund ist der Fototermin von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan vor der Weltmeisterschaft - und den Wahlen in der Türkei. Im Mai hätte sich der DFB positionieren, die Trikotübergabe intern besprechen und öffentlich klarstellen sollen. Stattdessen verharmloste Bierhoff die Sache, und Özil schwieg. In den Jahren zuvor hatte es immer wieder Treffen mit Erdogan gegeben, die kein Aufsehen erregten. Der DFB glaubte, er könne die Sache mit einem Besucht bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unter einen Teppich aus neuen Fotos kehren. Ein Irrglaube.

Bei der WM mischte sich dann die sportliche Kritik an Özil mit nationalistischer Schelte. Wer für einen autokratisch anmutenden Herrscher werbe und die deutsche Hymne nicht singe, der sei kein Deutscher. Dass Deutschland in der Vorrunde scheiterte, und Özil den hohen Erwartungen nicht gerecht wurde, war Wasser auf die Mühlen, die so dachten.

Gut darin, Fehler zu vertuschen

Nachzutreten, wenn schon abgepfiffen ist, ist eine grobe Unsportlichkeit. Auf dem Platz wäre die Folge eine Rote Karte, Platzverweis. Grindel hingegen, der als CDU-Bundestagsabgeordneter die Probleme von Zuwanderung betonte und in seinem Wahlkreis Gesundheitsprüfungen für Flüchtlinge und mehr Polizei forderte, damit die Bürger sich sicher fühlten, sonnt sich in Selbstgefälligkeit. „Wir möchten auch abwarten, in welcher Form sich Mesut einlässt. Es gehört zur Fairness, einem verdienten Nationalspieler, der einen Fehler gemacht hat, diese Chance zu geben.“

Das ist an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten. Aus dem Mund eines Präsidenten, dessen Verband besonders gut darin ist, eigene Fehler zu vertuschen und sich mit der Leistung anderer (zum Beispiel Özil) zu schmücken, wenn es denn dem DFB zum Ruhme gereicht (zum Beispiel Weltmeistertitel). 

Bleibt auch die Frage, was Özil denn sagen soll. Vielleicht, dass er in Russland gar nicht so schlecht war, wie in die Mehrheit gesehen hat. Der nächste hysterische Aufschrei wäre garantiert. Dabei wäre diese Feststellung gar nicht so falsch. Gegen Südkorea legte Özil seinen Mitspielern sieben Chancen auf, das gelang in dieser Häufung bei der WM in einem einzelnen Spiel nur noch Neymar. Dass die Kollegen nicht trafen, ist am wenigsten Özil vorzuhalten.