Publikum aus Pappe: Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach ist für Geisterspiele gerüstet.
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Pro: Spielt wieder, doch zieht eure Lehren!

BerlinDie Bundesliga beanspruche mit dem Wunsch nach einem Restart eine Sonderbehandlung. Diese Meinung ist dieser Tage weit verbreitet, bildet sich auch in mehr oder weniger repräsentativen Umfragen so ab. Weil dank freundlicher Unterstützung mächtiger Funktionäre der Eindruck entstanden ist, dass es der Branche alleine darum geht, vor allem so viele Millionen wie möglich ins Trockene zu bringen.

Abseits dieser Zaster-Diskussion sehnen sich die Fußballprofis, und nicht alle von ihnen sind geldverschlingende Monster, wie viele von uns danach, ihrem Beruf nachzugehen und somit eine gewisse Normalität in den Alltag zu bekommen. Es ist doch völlig legitim, dass sich eine Branche darum bemüht, im Rahmen der Möglichkeiten Arbeitsfähigkeit herzustellen. Ähnliches wollen ja auch die Kollegen der Sparten Basketball, Formel 1 und Co. erreichen. Und natürlich steht die Deutsche Fußball Liga (DFL) wie jedes Unternehmer in der Pflicht, den finanziellen Schaden so gering wie möglich zu halten. Dass Gastronomen, Künstler und viele andere von der Krise auch existenziell bedroht sind, ist schlimm. Aber daraus ergibt sich ja nicht, dass es anderen verboten ist, sich Gedanken darüber zu machen, der schwierigen Lage zu entkommen – zumindest ansatzweise.

Mit strengen medizinischen und hygienischen Regeln hat die Bundesliga ein Wiederaufnahmekonzept erarbeitet, das mittlerweile auf großen Zuspruch der Politik stößt. Die anvisierten rund 20.000 Tests, die bis zum Saisonende fällig wären, sind vertretbar, wenn sie nicht zu Lasten der Allgemeinheit gehen. Abseits des Fußballplatzes, wo es zwangsläufig zu Körperkontakt kommt, sind die Profis dann eben noch mehr gefordert als der Normalbürger, den Kreis der Kontaktpersonen kleinzuhalten, um weitere Infektionen zu verhindern. Ja, eine Art Quarantäne gehört dann mit zum Spiel. Was vertretbar ist für jemanden, der täglich zum Traininigsplatz und am Wochenende ins Stadion fahren darf.

Auch wenn sich verschiedene Fangruppierungen klar gegen Geisterspiele positioniert haben, ist doch davon auszugehen, dass sich alsbald ein Gefühl der Erleichterung einstellt, wenn der Ball wieder rollt. Zum einen, weil der Sport eine gewisse Ablenkung vom täglichen Coronakanon bietet. Wer wieder mit seinem Lieblingsverein zittern kann, vergisst womöglich für eineinhalb Stunden die drückende Last der täglichen Virusbedrohung. Auch die sonst heiklen Fragen nach Titel, Auf- und Abstieg lassen sich nur auf diesem Weg klären. In den Niederlanden, wo die Saison abgebrochen wurde, rollen ja bereits die ersten Klagewellen.

Dennoch sollte der Fußball die richtigen Lehren aus der intensiv geführten Diskussion führen: Um nicht mehr als entkoppelter Teil der Gesellschaft wahrgenommen zu werden, braucht es wieder mehr Demut. Eine Kampagne, die glaubhaft vermittelt, dass Profifußball eben mehr ist als ein Moneten-Umschlagplatz.

Nichts zu machen: Wie hier an der Münchner Arena sind bei allen Fußball-Bundesligisten die Ticketschalter geschlossen.
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Contra: Meidet das Risiko, denkt an die Profis!

Klar, New York geht uns nichts an. In New York ist nicht die Fußball-Bundesliga beheimatet und kein Fußball-Bundesligist, der um seine Existenz bangen muss, falls die Saison nicht endlich weitergeht. Kein deutscher Klubmanager lebt dort, der eine riskante Wette auf die Zukunft einging, indem er zu viel Geld ausgab, das er nicht hatte. Okay, New York, da verzeichnen Wissenschaftler gerade einen Anstieg bei jungen Menschen mit Schlaganfall; Menschen, von denen etliche den Coronavirus in sich trugen, ohne es bemerkt zu haben. Aber was hat das mit der Fußball-Bundesliga zu tun?

In der Fußball-Bundesliga würden sie nach einer Wiederaufnahme der Saison ohne Publikum spielen, also weder die Gesundheit alter, noch die von jungen Menschen auf den Tribünen gefährden. Alle im Stadion Anwesenden würden sich tüchtig die Hände waschen und die Spieler in Zweikämpfen, wenn schon nicht den Mindestabstand von 1,50 Metern, so doch ausgeklügelte hygienische Etikette einhalten. Mund abwischen und weitermachen, so lautet der fußballerische Fachterminus, wobei das mit dem Mundabwischen sinnbildlich zu verstehen ist. Und das mit den Schutzmasken auf dem Spielfeld war nur mal so eine Idee.

Ausgeatmet wird mit größter Vorsicht, und sollte sich doch jemand infizieren, meine Güte, ja: Wofür hat man schließlich den hochpreisigen Kader? Der hat dann wenigstens nicht umsonst das schöne viele Geld verschlungen, das man noch gar nicht besaß. Und selbst wenn sich alle 524 Spieler der 18 Bundesligisten infizieren würden, was ja durchs tüchtige Händewaschen eigentlich ausgeschlossen ist, dann wäre das doch noch nicht einmal die Hälfte derer, die sich pro Tag in ganz Deutschland neu mit Covid-19 anstecken.

Würde so ein verantwortungsvoller Mensch argumentieren? Nein, würde er nicht, und deshalb macht das auch niemand in der Bundesliga. Was sie in der Bundesliga dennoch machen wollen, ist, die Saison fortzusetzen, entgegen einer anderen Logik. 

Ein Virus, zu dem es jeden Tag neue, teils widersprüchliche Meldungen gibt über seine Verbreitung, seine Wirkung, ein Virus, das die Wissenschaft gerade erst zu verstehen, schrittweise zu entschlüsseln beginnt, ein solches Virus ist nicht berechenbar wie der Etat eines Fußballklubs. Wer behauptet, er könne die Risiken einer fortgesetzten Saison - die gesundheitlichen, nicht die wirtschaftlichen - in einem vertretbaren Rahmen halten, ist bestenfalls extrem ambitioniert. Und wer womöglich in den großzügigen Gehältern seiner Fußballer nicht den Fehler im System, sondern eine Schmutzzulage für systembedingte Schädigungen erkennen will, der ist ein Zyniker.

Klar, es gib da noch so einen fußballerischen Fachbegriff: Spielermaterial. Doch damit verhält es sich wie mit dem Mundabwischenundweitermachen. Es ist nur ein Bild, ein schräges, falsches. Fußballprofis sind kein Material, sie sind junge Menschen.