Fehlentwicklungen im Profifußball? "Ich bin überzeugt, dass der DFB eine Initiative ergreifen kann", sagt Union-Präsident Dirk Zingler.
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BerlinEs ist noch nicht lange her, am 11. März war es, da schrieb Dirk Zingler, der Präsident des 1. FC Union, in einem Offenen Brief an die Anhänger des Bundesliga-Aufsteigers: „Wohl niemand von uns hätte sich je ein Geisterspiel im Stadion An der Alten Försterei vorstellen können. Fußball ohne Menschen ist für uns kein Fußball.“  Und jetzt? Drauf gehustet. Wer in der Kommerzmaschinerie Profifußball steckt, wird von ihr durchgezwirbelt, muss sich biegsam zeigen, anpassen, denn auch in Köpenick stehen nicht mehr elf Schlosserjungs auf dem Rasen, sondern Fußballprofis, die verwaltet, geknetet, vermarktet und beschäftigt werden wollen. Letzteres gilt ebenso für alle anderen Mitarbeiter des Klubs. „Spiele ohne Menschen werden uns nicht so viel Spaß machen“ hat Dirk Zingler daher nun seine Worte variiert.

Es bleibt die Frage: Wenn Fußball ohne Menschen kein Fußball ist – was sehen wir dann vom 16. Mai an in den leeren Stadien dieser Republik? Moneyball 2.0 – ein Spiel mit 22 Kickern, die nicht austrainiert und leidlich vorbereitet ihre Gesundheit riskieren, Risse von Muskelfasern und Kreuzbändern inbegriffen. Tore, die nur autistisch oder gar  von Pappkameraden bejubelt werden und Trainer, die durch Masken brüllen. „Es muss jedem klar sein, dass es andere Rahmenbedingungen sind. Fußball wird anders aussehen, sich anders anfühlen, anders sein“, sagt Christian Seitert, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL).

Laut des ARD-Deutschland-Trends sind 50 Prozent der Bevölkerung gegen eine Fortsetzung der Fußball-Bundesliga, nur 36 Prozent dafür. Laut einer Umfrage der Fußball-App FanQ  glauben 89 Prozent der Fußballfans in Deutschland, dass die DFL hauptsächlich aus finanziellem Interesse den Spielbetrieb wieder aufnehmen will. Immerhin noch 40 Prozent glauben, die „Ermöglichung des sportlichen Wettbewerbs“ sei eine Motivation. Nur 20 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die DFL die Liga fortsetzen wolle, um die Fans zu unterhalten. 81 Prozent glauben, dass es zu Ansammlungen vor den Stadien kommen wird.

Dem will der Bezahlsender Sky großzügig mit zwei Häppchen frei empfangbarer Live-Konferenzen der ersten beiden Spieltage entgegenwirken, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es  „in Zusammenarbeit mit der DFL und den Klubs für den Rest der Saison viele attraktive Sky-Angebote sowohl für neue als auch bestehende Kunden geben“ wird. Egal, denn hey, wie formuliert Sky? „Mit Dortmund gegen Schalke erwartet Fans gleich in der ersten Samstags-Konferenz ein echter Kracher!“

Wer dem Bundesliga-Zirkus beiwohnen will, hat   endlich wieder Stoff zum Staunen. Menschen, Tore, Sensationen. „Das Wichtigste ist, dass der Ball wieder rollt“, sagt Herthas Manager Michael Preetz.

Tiefgründige Visionen über das System Profifußball hat in der Coronapause niemand aus den beiden Berliner Bundesligaklubs  angeschoben. Solidarität, die Gleichverteilung von Einnahmeströmen hätten Themen sein können.   Dazu hätte der 1. FC Union seine Ideen zur Gehaltsobergrenze aus dem Positionspapier vom Oktober 2018   noch mal perfekt platzieren können – und  diesmal wohl sogar Gehör   gefunden.

Stattdessen sagte Zingler kürzlich, es gehe bei aller berechtigten Kritik am Wertegerüst des Fußballs, jetzt erst einmal darum, „den Klub zu sichern und nicht, Fehlentwicklungen zu korrigieren“. Das allerdings solle, laut Zingler unabhängig von der Coronakrise in der Zukunft geschehen. „Ich bin überzeugt, dass der deutsche Fußball eine Initiative ergreifen kann.“

Wenn es ums Geschäfte-, pardon, Konzeptemachen geht, hat die DFL  das mit der Initiative schon bewiesen und sich dafür einen roten Punkt auf die Pionierrakete gemalt. Glaubt man  Seifert, reißt sich die  Welt „von Los Angeles über London bis Tokio“ um das Papier, das als „Konzept der ’Task Force Sportmedizin/ Sonderspielbetrieb’“ auf der DFL-Seite  zur Verfügung steht (wie die McKinsey-Studie „Wachstumsmotor Bundesliga“ übrigens).

Die 51 Seiten  könnten als Blaupause für alle Profi-, Mannschafts- und Kampfsportarten dienen, auch für Orchester und Theater, sagte Seifert, dort, wo Kontakt nicht vermieden werden kann. Die amerikanischen Profiligen der NHL, NFL und MLB hätten angefragt. In Italien äußert  La Repubblica, die Hoffnung, dass die Serie A von der  „deutsche Lokomotive“ gezogen wird. Fußball  sei zwar schon eine Industrie, aber „kein Betäubungsmittel, keine Ablenkung vom Leben, sondern Teil dieses Lebens“.

Christian Seifert: Wir spielen auf Bewährung

Bei Lokomotiven  reichen statt 14 Tagen Quarantäne sieben. Länger halten sich die Klubs nicht abgeschottet, von denen Hertha mit einem durch Jugendspieler aufgestockten 30-Mann-Kader das Palace Hotel am Ku’damm bezieht und Union am Sonnabend nach Barsinghausen in Niedersachsen reist. Nur sieben, weil die Zeit bis zur nächsten Fernseh-Tranche drängt? Weil die Sender sonst eine Woche länger nur Konserven recyceln können?

Ins Quarantäne-Trainingslager reisen „nur gesunde Menschen“, begründet Seifert flugs. Soviel zur Sonderrolle des Fußballs, den die Politik vor anderen Branchen und anderen Sportarten hofiert und dazu in den Wirtschafts- oder Verwaltungsbeiräten einiger Klubs beehrt.

Seit Anfang dieser Woche hat mancher ein Grinsen im Gesicht und ein Video im Kopf, wenn einer wie Hertha-Profi Maximilian Mittelstädt über das wegbereitende DFL-Konzept sagt: „Es ist gut, wenn sich alle daran halten.“ DFL-Chef Seifert weiß allerdings: „Wir spielen auf Bewährung.“ Und Union-Präsident Zingler? Der wies seine Spieler auf den Vertrauensvorschuss hin, der ihnen und der gesamten Liga zuteil wurde: „Dieses Vertrauen muss jeder einzelne rechtfertigen“, sagte er - und sei es, mit dem Impuls der Wertediskussion.