Eigentlich fehlen nur noch die Feuersäulen und pyrotechnischen Erzeugnisse, um das Ambiente abzurunden. Am Vorabend hatte die kleine Gruppe der Ausrichter die Sporthalle im Norden Pankows hergerichtet. Sieben Bahnen, mit den jeweils dafür vorgesehenen Anzeigetafeln und Kugelhanteln, präpariert. Jetzt, da die Deutsche Meisterschaft im Kettlebell läuft, dröhnt Musik von Rammstein aus den Boxen, ist ein angestrengtes Stöhnen der Sportler zu vernehmen. Klatschen des Publikums lässt die Schmerzen nicht verschwinden, hilft aber, den Punkt zu überwinden, an dem es richtig wehtut. „Am schwierigsten finde ich es zwischen Minute fünf und acht“, erzählt André Chahor, „da ist es ein Kampf mit sich selbst. Bis Minute fünf hält man es gut durch, aber dann wird es hart. Wenn man aber die achte Minute erreicht hat, kämpft man sich durch. Dann hat man es fast geschafft.“

Meister im Kettlebell

Zehn Minuten dauern die meisten Disziplinen beim Kettlebell. In Berlin wurden am Wochenende die Deutschen Meister ermittelt. Zum ersten Mal in der Hauptstadt, zum ersten Mal unter der Regie der Berlin Kettle Bears. Im Jahr 2016 hat sich der Verein unter dem Vorsitz von Karsten Bollert und seinem Vize, André Chahor, gegründet. Das Duo gehört außerdem zum Vorstand des Bundesverbandes in Deutschland. Den Namen des Vereins aber haben sie „so ein bisschen aufgespalten: Aus Kettlebell haben wir die Kettle Bears gemacht.“ Der Bär passte perfekt. Immerhin ist er das Wappentier Berlins und „er steht für Stärke und Kraft“. Eigenschaften, die für einen Kettlebell-Sportler wichtig sind.

André Chahor besitzt sie. Er verfügt über die Technik, den Willen. Damit ist er dieses Jahr im Biathlon, der Kombination aus Reißen und Stoßen, in der Profiklasse Weltmeister geworden. Als erster Deutscher und mit einem Weltrekord in seiner Gewichtsklasse von 208 Wiederholungen. Für jemanden, der erst 2012 mit Kettlebell begonnen hat, ist das nicht schlecht. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass diese Sportart in Deutschland am Anfang steht und die führenden Sportler aus Osteuropa kommen.

Ursprung in Russland

Knapp 200 Mitglieder gehören dem deutschen Verband an, in Berlin sind es zehn Sportler, die sich mit Kettlebell befassen. „Ausbaufähig“, sagt Chahor. Der 34-Jährige kam durch Karsten Bollert in Kontakt mit Kettlebell. Die Kugelhanteln in verschiedenen Farben und Gewichten von 12, 16, 24 oder 32 Kilogramm hatte er vorher schon im Fitnessstudio stehen sehen. Dass sich dahinter ein Sport verbirgt, war auch ihm aber erst einmal nicht klar.

Seinen Ursprung hat Kettlebell in Russland, in der Nationalen Volksarmee der DDR soll er trainiert worden sein. Den Berlin Kettle Bears wurden bei ihrer Gründung nicht gerade die Türen eingerannt. „Anfangs gab es uns nur auf dem Papier, wir hatten leider noch keine Trainingsstätte“, sagt Chahor. Erst seit diesem Jahr haben die Bears einen festen Standort in Weißensee. Seitdem wird in der Sporthalle des Primo-Levi-Gymnasiums am Dienstag und Donnerstag ab 18.30 Uhr trainiert.

Keine Muskelshow

Chahor ist auch Trainer für Neulinge, nicht nur Männer, auch Frauen. Die Deutsche Meisterschaft ist ein Abbild dessen, wer Kettlebell betreibt. Junge, aber auch ältere Männer und Frauen sind zu sehen, manche sind groß, manche klein, einige sind kräftig gebaut, andere etwas weniger. Eine Muskelshow von Bodybuildern ist es nicht. „In der Regel sehen die Sportler nicht so massig aus, aber es ist alles funktionell“, so Chahor. Auch deshalb kann so ziemlich jeder, der keine ernsthafte Vorerkrankung wie etwa Herz-Kreislauf-Störungen mitbringt, einsteigen. Angst vor der großen Masse der Kugelhanteln muss dabei niemand haben.

Der Einstieg geht auch mit leichten Gewichten, die acht Kilogramm wiegen. Aber: „Ich würde jedem raten, dass er mit einem Trainer beginnt. Man kann viel falsch machen und sich verletzen“, sagt der Vizepräsident der Kettle Bears. Auch wenn es sich um eine Kraft-Ausdauer-Sportart handelt, reicht Kraft allein nicht: „Die Übungen müssen gut trainiert sein, damit man die zehn Minuten gut durchhält. Anfänger machen viel ohne Technik, sondern mit Kraft. Damit schafft man aber keine zehn Minuten.“

Das Reißen, bei dem die Kugelhantel zwischen den Beinen über den Kopf und wieder zurück befördert werden muss, ist für Neulinge noch am einfachsten zu lernen. Schwerer sei dagegen das Stoßen. „Da gibt es keine Entspannung für die Handgelenke oder die Schulter. Das fällt den Leuten schwer“, sagt André Chahor. Er brachte es bei seinem Weltrekord-Wettkampf auf 126 Wiederholungen im Stoßen, musste in den zehn Minuten aber an seine absolute Leistungsgrenze gehen. Im anschließenden Reißen zog der Berliner seinem Kontrahenten den Zahn.

Es sind Erfahrungen, die er gerne an seine Schüler, wie er seine Trainingspartner liebevoll nennt, weitergibt. Auch bei der Deutschen Meisterschaft freute er sich lieber mit Melanie Großmann, als diese ihre Zielsetzung überbieten konnte und voller Adrenalin die Sporthalle im Norden Pankows verließ. Die Musik war mittlerweile etwas poppiger geworden. Für das Feuerwerk sorgten weiter die Sportler.

Bisher in der Serie porträtiert

Zehlendorfer Wespen am 29. Juli, Weddinger Wiesel am 22. Juli, Berlin Flamingos am 12. August, BC Lions Moabit 21 am 19. August