Eine Kleinigkeit, 10,8 Sekunden,  ein riesiges Gewicht auf den Schultern eines Basketballers jedoch, wenn er an der Freiwurflinie steht und an ihm die ganze Last des Erfolgs hängt.  Luke Sikma ist das am Freitagabend in der Arena am Ostbahnhof so gegangen. Alba Berlins Forward verwandelte den ersten Versuch, verwandelte auch den zweiten:  Auszeit, Wiederbeginn, die Ziffern purzelten die Wurfuhr hinunter. 3, 2, 1, 0 - die Halle tobte. Alba hatte 95:92 (83:83, 42:39) gewonnen und im Finale um den Eurocup gegen Valencia ausgeglichen. In der Serie Best-of-three steht es nun 1:1. An diesem Montag kommt es bei den Spaniern zur entscheidenden Partie.

NBA-Profi Moritz Wagner ist Augenzeuge

Eine Niederlage hätte das Ende der Saison bedeutet, und dass sich jeder im Team der Gastgeber dem sportlichen Ernst der Lage bewusst war, wurde sichtbar. An dem Isländer Martin Hermannsson etwa, der sich als geschickter Strippenzieher in der Offensive erwies, allein in der ersten Hälfte der Begegnung fünf Assists gab und sich außerdem als effektiver Punktelieferant hervortat. Es gab jedoch auch andere Signale.

Franz Wagner zum Beispiel mit einem Dreier im ersten Viertel, der seinen Bruder vom Sitz aufspringen ließ. NBA-Profi Moritz Wagner von den Los Angeles Lakers verfolgte unter den 14 500 Zuschauern in der ausverkauften Arena am Ostbahnhof die Partie und sah, wie Johannes Thiemann den Ball zum 36:33 in den Korb der Spanier rammte und am Ring hängend auspendelte. Es folgte ein kleiner Lauf, den Rokas Giedraitis zum 40:33 vollendete (19.).

Verschärfte Foulbelastung

Anders als noch bei der Niederlage im ersten Spiel in Valencia hielten die Berliner das Rebound-Duell diesmal ausgeglichen. In der Verteidigung setzten sie dem Kontrahenten zu, die Foulbelastung wuchs rasch an. Valencia indes zeigte Wirkung, fabrizierte etliche Ballverluste, elf allein während der ersten beiden Viertel. Mit zwei Punkten Vorsprung ging Alba in die große Pause.

Nach dem Seitenwechsel verschärfte sich die Foulbelastung weiter. Landry Nnoko etwa wurde in der 23. Minute sein viertes Vergehen zur Last gelegt. Kurz darauf kassierte Center-Kollege Dennis Clifford sein zweites Foul, ein mutmaßlich unsportliches, was der Berliner Anhang mit gellenden Pfiffen quittierte.

 Reneses tigert an der Seitenlinie

Ruhe bewahren, lautete nun die Devise, was leichter gesagt war als getan. Alba-Coach Aíto García Reneses tigerte phasenweise an der Seitenlinie entlang, rief Anweisungen ins Geschehen hinein, wechselte munter durch, brachte Joshiko Saibou erst in der 35. Minute. Vielleicht, weil Martin Hermansson seine Sache seine Sache sehr gut machte. Auch Hermannsson sorgte für eine Art Signal, typisch  für diese Berliner Mannschaft. Hermannsson hatte zuvor in keinem europäischen Finale gestanden.

Die Partie blieb eng, blieb umkämpft. „Vorwärts Alba, kämpfen und siegen“, riefen die Alba-Fans. Der orange Block konterte: „Valencia, Valencia.“ Eine klare Klanghoheit auf den Rängen für Berlin, auf dem Parkett dagegen ließen sich weiter keine entscheidenden Vorteile ausmachen. 62:59 führten die Gastgeber zur letzten Pause, doch Mitte des letzten Viertels drohte die Partie zu kippen.

Siva sendet Signale

Alba geriet beim 64:68 in Rückstand, weil das Team in der Offensive glücklos agierte, bis zu diesem Zeitpunkt in dem Durchgang nur zwei Punkte schaffte, Valencia die negative Dynamik beim Gegner nutzte und Reneses zu einer Auszeit veranlasste. Und wieder sendeten sie Signale. Peyton Siva sehr deutlich mit einem Dreier zum 71:73, Luke Sikma per Korbleger zum 73:75 (38.), Johannes Thiemann mit zwei Punkten und einem Bonusfreiwurf zum 76:76 (39.) und dem 78:77. Die Situation spitzte sich zu, bis Siva zum 83:83 traf und damit die Verlängerung erzwang.

Fünf Minuten nochmals, durch die Arena schallte der Ruf: „MVP!“ Luke Sikma, wertvollster Spieler der Eurocup-Saison, ließ sich nicht lange bitten, erhöhte auf 91:86 (42.), Valencia antwortete, Alba ebenfalls per Freiwurf, durch Nnoko: 93:88 Der kassierte kurz darauf sein fünftes Foul, wie Thiemann, und Siva. Das Drama nahm seinen Lauf.