Berlin - All die schönen Bilder. Die schönen Erinnerungen. Aber niemand schaut mehr hin. Nicht mal der Trainer. Jos Luhukay hat den Blick gesenkt und so ziemlich das Gegenteil von einem Lächeln aufgesetzt, geht vorbei an seinen stumm jubelnden, johlenden und sich herzenden Spielern, die hier im Medienräumen von Hertha BSC großformatig an den Wänden hängen.

Die gleichen Spieler, die am Sonntag in Bremen gefrustet und bereits ein wenig resignierend auf den Rasen starrten, als sei nicht nur ein Spiel verloren gegangen, sondern schon alles vorbei. Die gleichen Spieler, die am Mittwochabend gegen Leverkusen trotzdem weitermachen müssen. Es ist ja noch nicht vorbei.

Nichts ändert sich

Luhukay biegt um die Ecke, setzt sich vors Mikrofon, schenkt Wasser ein, und dann geht es wieder los, wie wann warum wozu – wenn er etwas hasst an seinem Job, dann sind es die ständigen Fragen. Und zurzeit ist es besonders schlimm. Denn Luhukay hat immer weniger Antworten. Und die, die er hat, die wiederholt er seit Monaten, und er ist nicht mal besonders erfinderisch bei den Variationen.

Aber es ändert sich ja nichts. Seine Mannschaft macht nicht, was der Trainer will. Sie versteht ihn nicht. Vielleicht vertrauen sie ihm nicht mehr. Vor einem Spiel sagt Luhukay jedenfalls oft: „Wir müssen versuchen, mehr Mut zu haben.“

Ein Versuch ist manchmal nicht mehr als der erste Schritt zum Scheitern. Und um das Scheitern geht es hier, sehr früh schon. Niemand spricht es aus. Aber jeder weiß es: Dieses Heimspiel könnte bereits Luhukays letztes sein. Zumindest, wenn er hinterher wie so oft sagen muss: „Das frühe Gegentor hat uns leider total aus der Bahn geworfen.“

Nun doch im Abstiegskampf

Oder: „Wir haben wieder ein gutes Spiel gemacht, leider hat uns wieder das nötige Glück gefehlt.“ Das Glück haben irgendwie immer die anderen. Zuletzt der Bremer Franco Di Santo, dem einige Berliner unterstellten, dass hinter seinen beiden außergewöhnlichen Toren mehr Zufall als Absicht steckte. Als sei die eigene Unterlegenheit nicht viel umfassender gewesen.

Luhukay ist mit einer dreiteiligen Mission nach Berlin gekommen, und bislang hat er zwei davon erfüllt: den Wiederaufstieg aus der Zweiten Liga, das Drinbleiben in der Ersten. In dieser Saison, das ist Teil drei, sollte er mit Hertha irgendwo im gesicherten Mittelfeld ankommen. Acht Klubs wähnte man grundsätzlich außer Reichweite, aber dahinter, ja, da würde man schon hinpassen.

Keinesfalls aber wollte Hertha etwas mit dem Abstieg zu tun haben. Haben sie jetzt doch. Und damit hat Luhukay, hat auch Manager Michael Preetz einfach nicht gerechnet. Die Lizenz für die Zweite Liga haben sie beantragt, weil man es halt so macht. Worst case. Wird schon.

Luhukay enttäuscht

Es sah ja alles so gut aus. Die Finanzlage nach dem Einstieg des amerikanischen Investors KKR, die vielen Spieler, die im Sommer dazukamen. Dass die Neuen aber mehr Probleme schafften als lösten, war nicht abzusehen. Und jetzt scheinen sie auch noch die Alten angesteckt zu haben. Irgendein geheimes Virus wäre wenigstens eine greifbare Erklärung. Denn sonst gibt es keine. Wobei eine hat Luhukay doch immer parat: „Wir kriegen zu einfache Tore.“ Manchmal sind sie auch unnötig. So wie gegen Bremen.

Der Trainer hat diese Niederlage persönlicher genommen als sonst. „Ich bin enttäuscht“, sagt er, und das merkt man ihm auch an. Seine Mundwinkel schaffen es, selbst das Gegenteil von Lachen noch zu steigern.

Vier Wochen hat er seine Mannschaft auf dieses eine Spiel vorbereitet, und dann so etwas. Und wenn es schon keine kollektive Schuld gibt, dann muss es eine Einzeltätertheorie geben. Luhukay formuliert sie so: „Wir hatten vier Ausfälle, die kann keiner verkraften.“ Gemeint waren wahrscheinlich Jens Hegeler, John Brooks, Nico Schulz und bestimmt Ronny, der wieder mal eine Chance vertan hat – und das tut Luhukay besonders weh. Denn er schafft es einfach nicht, den Brasilianer, den er für den besten Fußballer im Team hält, zu einem Teamspieler zu machen. Vielleicht wird Ronny irgendwann einmal als Herthas bester Zweitligaspieler in die Vereinsgeschichte eingehen.

Jetzt also Leverkusen. Luhukay wird seine Mannschaft umstellen. Valentin Stocker etwa ist der Einzige, der sich noch an der Spielmacherrolle versuchen könnte. „Ich mache nicht den Fehler, von Spielern etwas zu verlangen, was sie nicht können“, sagt Jos Luhukay am Ende. Er weiß, dass man nach einer oder zwei weiteren Niederlagen zweifeln wird an dieser Selbsteinschätzung. Man kann ja nicht alle Spieler entlassen.