Kristina Vogel: Die Lebensmut-Weltmeisterin

Berlin - Es ist ein bemerkenswerter Auftritt. Ein Auftritt, der einen einerseits ins Grübeln bringt, ob man mitunter dann doch nicht etwas demütiger sein sollte. Ja, ob man auch immer angemessen auf die kleinen, vielleicht auch etwas größeren Ärgernisse des Lebens reagiert. Der einem andererseits vor Augen, vor allen Dingen aber zu Ohren führt, dass Kristina Vogel nicht nur eine Ausnahmesportlerin, sondern ein ganz außergewöhnlicher Mensch ist. Die 27-Jährige ist die Weltmeisterin in der Disziplin Lebensmut.

Sie musste ja nicht dazu gedrängt werden, sich am gestrigen Mittwochvormittag im Kesselhaus des Unfallkrankenhauses Berlin den Fragen der Journalisten zu stellen. Sie wollte das so. In die Offensive gehen, mit einer Kompromisslosigkeit, die den einen oder anderen vielleicht etwas irritiert haben mag, die aber für sie eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Es entspricht eben ihrem Naturell, sich nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Von ihrer Mama habe sie das geerbt, wird sie vor etwa 80 Medienvertretern unter anderem erzählen: „Da muss ich mich wohl bei ihr bedanken.“

Zerschmettertes Brustbein

Die Sätze, die sie bei ihrem einstündigen, von zahlreichen Kameras dokumentierten Auftritt vorbringt, sind ohnehin fast ausnahmslos von einem immensen Gewicht. Nur zwei sollen an dieser Stelle gleich mal zitiert werden. Erstens: „Da helfen keine Tränen, keine Beweihräucherung. Klar, ich bin keine Maschine, lag öfter mal da, musste meinen Emotionen freien Lauf lassen. Aber ich bin auf zwei Rädern genauso wie auf vier Rädern. Ich muss mich nicht verstecken. Ich möchte unabhängig sein.“

Zweitens: „Es hätte in der Tat schlimmer sein können. Ich hätte tot sein können. Als ich das erste Mal die Bilder meiner Wirbelverletzung gesehen habe, dachte ich nur: So kann eine Wirbelsäule unmöglich aussehen. Ja, du hast Glück gehabt, dachte ich mir. Und was soll ich Selbstmitleid haben? Es ist, wie es ist. Selbstmitleid bringt einen nicht weiter.“

Am 26. Juni war Kristina Vogel, die weltweit erfolgreichste Bahnradfahrerin der vergangenen zehn Jahre, bei einer Trainingseinheit in Cottbus nach einer Kollision mit einem niederländischen Fahrer so schwer gestürzt, dass sie fortan vom siebten Brustwirbel abwärts gelähmt sein wird. Sie lag im Koma, musste mehrmals operiert werden. An der Wirbelsäule unmittelbar nach ihrem Sturz, eine Woche später am Brustbein, das zerschmettert war.

Vom Unfall selbst ist nichts in Erinnerung geblieben, erzählt die zweifache Olympiasiegerin, „zum Glück“. Als sie wieder zu Bewusstsein kam, dachte sie sich nur „atmen, atmen, klar im Kopf bleiben. Als mir aber die Schuhe abgenommen wurden und ich nichts mehr spürte, ahnte ich schon: Das mit dem Fußgänger wird nichts mehr.“ Und in der Tat: Trotz des medizinischen Fortschritts gibt es für Kristina Vogel keine Hoffnung, dass sie eines Tages wieder selbstständig gehen kann.

Rasanz des Traumas

Axel Ekkernkamp, der Ärztliche Direktor des Unfallkrankenhauses, der mit Andreas Niedeggen, dem Chefarzt des Behandlungszentrums für Rückenmarkverletzte, neben Kristina Vogel auf dem Podium Platz genommen hat, spricht von einer unglaublichen „Rasanz des Traumas“, von schweren Eingriffen, die das lädierte System noch weiter belastet hätten. „Bei so etwas braucht man auch immer ein Quäntchen Glück und ein bisschen auch den lieben Gott“, sagt Ekkernkamp, um von einer etwas anderen Patientin zu berichten: „Wir haben eine Patientin, die unbedingt los will. Und ein Team, das versucht hinterherzukommen.“

Glück. Gott. Und vor allen Dingen eine psychische Widerstandskraft, die im Fall Kristina Vogel wohl ihresgleichen sucht. Sie will Beispiel geben, dass so „eine 180-Grad-Wende“ nicht zwangsläufig eine fortdauernde Tristesse zur Folge haben muss. Dass sie nach dem schweren Trainingsunfall im Jahr 2009, als sie von einem Zivilfahrzeug der Thüringer Polizei erfasst wurde und sich den Brustwirbel und die Handwurzelknochen brach, ein zweites Mal eine Lebenskrise meistern kann.

Wobei sie natürlich ausdrücklich betont, dass die Unterstützung, die sie durch ihre „starke Familie“, allen voran durch ihren Lebenspartner Ronny Seidenbecher erfährt, ein wesentlicher Faktor bei diesem Unterfangen ist. Für sich selbst hat sie folgenden Dreh entwickelt: „Die Kraft, die ich früher in die Wettbewerbe eingebracht habe, muss ich jetzt in mein Leben einbringen. Ich möchte gern ins Leben zurück und nicht auf so viel Hilfe angewiesen sein, möchte zeigen, dass man es schaffen kann, wenn man dran glaubt.“

Kristina Vogel sieht das Unglück als Herausforderung

Zwei vergleichbare Fälle aus der Welt des Sports kommen einem in den Sinn. Der Fall des Rennfahrers Alessandro Zanardi, der im Jahre 2001 nach einem schweren Unfall seine beiden Beine verlor, inzwischen als Handbiker, ja sogar als DTM-Pilot Erfolge feiert; sowie der Fall des Turners Ronny Ziesmer, der sich im Jahr 2004 bei einem Sturz beim Training am Pferd die Halswirbelsäule brach, zunächst in Folge einer Querschnittslähmung weder Beine noch Arme bewegen konnte, aber als Handbiker, zuletzt aber auch als Teilnehmer an den Leichtathletik-EM Ausrufezeichen gesetzt hat.

Was Kristina Vogel von den beiden unterscheidet, ist allerdings die Unmittelbarkeit, mit der sie ihr Unglück als Herausforderung annimmt. Sie will weiterhin als Athletensprecherin aktiv sein, will sich weiterhin in ihrem Sport einbringen. Und sie will leben, so normal, wie das nur irgendwie geht. In Erfurt natürlich, wo sie das anstehende Wochenende verbringen und zum ersten Mal nach ihrem Unfall wieder in ihrem Bett schlafen wird. Etappenziel erreicht.

Zum Schluss noch ein Satz, den Kristina Vogel den Anwesenden mit auf den Weg gegeben hat: „Wenn ihr nach Hause geht, versucht, einfach mal vier Stunden auf einer Seite zu liegen.“