Unter Druck: BFV-Präsident Bernd Schultz.
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BerlinNoch immer herrscht der Ausnahmezustand. Nach Wochen der coronabedingten Kontaktbeschränkungen und der daraus resultierenden Konsequenz, dem liebsten Hobby nicht mehr wie gewohnt nachgehen zu können, sehnen sich die Berliner Amateur-Fußballvereine danach, endlich wieder mit einem normalen Training beginnen zu dürfen. Was die Voraussetzung ist, um irgendwann in den Spielbetrieb einzusteigen. Einen entsprechenden Antrag hat der Berliner Fußballverband bei der Senatsverwaltung für Inneres und Sport eingereicht.

In den vergangenen Tagen ist der Unmut bei vielen Vereinen noch mal gewachsen. Nicht nur, dass die Fußballer im benachbarten Brandenburg ganz regulär kicken dürfen, während das in Berlin eben nur mit strikten Abstandsregeln möglich ist, stieß fielen sauer auf. Auch weil sich für die Oberligisten daraus erhebliche Wettbewerbsnachteile ergeben. Zuletzt war zudem der Ärger groß gewesen, weil die Regionalligisten und Junioren-Bundesligisten ausgenommen waren von den Kontaktbeschränkungen.

Gerd Thomas, der 1. Vorsitzende des 1. FC Internationale, verfasste zusammen mit Christian Hildebrandt von den Füchsen Berlin einen offenen Brief an Sportsenator Andreas Geisel und Verbandspräsident Bernd Schultz, in dem den Adressaten eine Spaltung des Berliner Fußballs vorgeworfen wird. Dieser Zeitung erklärte Thomas: „Das ist rein sportlich begründet und somit überhaupt nicht akzeptabel. Mir geht es darum, dass alle Amateursportler gleichberechtigt sind.“

Dass dieser Brief innerhalb der ersten 24 Stunden 1000-mal unterschrieben wurde, wertet Thomas als Indiz, wie sehr es im Berliner Amateurfußball brodelt. An der Basis herrsche große Unzufriedenheit, weil sich die Mehrheit der Klubs durch den Verband und insbesondere Präsident Bernd Schultz, der seit 16 Jahren dem BFV vorsteht, schlecht repräsentiert fühle. „Diese Debatte ist exemplarisch, um zu zeigen, wie sehr der Schuh drückt“, sagt Thomas.

Die Kritik ist vielschichtig. Da ist zum Beispiel das Gefühl, dass es den Berliner Amateurvereinen an der entsprechenden Lobby fehlt, um auch politisch entsprechend berücksichtigt zu werden. „Wenn es uns nicht gäbe, hätten die Jugendämter gut zu tun“, sagt Thomas, „die meisten unserer Vereine stehen für Anti-Rassismus, Generationengerechtigkeit, leisten jede Menge soziale Arbeit, das ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann.“ In der Hochphase der Corona-Krise fühlten sich viele im Stich gelassen, bemängelten die fehlende Kommunikation, wie es eines Tages weitergehen soll.

Als regelrechtes Desaster gilt zudem die Personalie Sascha Kummer. Obwohl es Kritik an seiner Person gab, weil er als Trainer einen Jungen gekniffen hatte,  wurde er nach einer überraschenden Rücktrittswelle im Februar – in allen drei Fällen wurden persönliche Gründe angegeben – ins Amt des Vizepräsidenten gewählt. Im Mai, nach nur 19 Tagen, legte er sein Amt nieder, weil der Druck auf den Verband zu groß geworden war. Seitdem hat die Kritik an Schultz noch mal an Wucht zugenommen, der sich für Kummer eingesetzt hatte. Inzwischen gibt es sogar einen Gegenkandidaten, der sich im kommenden Jahr zur Wahl stellen will.

Präsidiumsmitglied Jörg Wirtgen, Vizepräsident Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, ist auch knapp zwei Monate nach diesem Eklat noch sauer. Er hatte sich zuvor klar gegen den Kandidaten ausgesprochen und versucht, seine Wahl zu verhindern. „Ich fühle mich mitverantwortlich, weil ich es nicht geschafft habe zu erklären, dass Moral ein zentraler Wert ist. Und diese höher zu gewichten ist als juristische Fragen, ob es rechtlich zulässig ist, dass eine solche Person gewählt wird.“

Wirtgen gehört nicht nur wegen seines Abstimmungsverhaltens zu einer Vierer-Gruppe im Verband, die als eine Art Opposition gilt. Nach zwei Jahren im Amt ist er es leid, dass der BFV das Image eines Bremsklotzes hat, dass es in den vergangenen Jahren kaum Bemühungen hab, sich zu modernisieren und somit auch für neue Gruppen zu öffnen. Womit er klar auf der Linie von Kritikern wie Gerd Thomas liegt, die den mangelnden Reformeifer als weiteres Kernproblem des größten Sportverbandes in Berlin ausgemacht haben.

„Wir müssen uns der Stellung bewusst werden, dass wir etwas zu sagen haben“, sagt Wirtgen. Rund 170.000 Mitglieder zählt der BFV. „Und hier sind nicht die Familien mitgezählt, die ja auch einen Bezug zum Fußball haben.“ Dass die Stadt so dynamisch, so vielseitig ist, müsse auch in der Arbeit des Verbands sichtbar werden. Als „Thermomix der Gesellschaft“, wie er es umschreibt. „Wenn wir weitermachen wie bisher, gehören wir wie die Dinos ins Naturkundemuseum.“ Als Leiter des Lenkungskreises des Projekts „Future BFV“, das bereits im November als „Arbeitsgemeinschaft Zukunft und Vision“ beschlossen wurde, steht Wirtgen nun dem Reformprozess im Verband vor. In 13 unterschiedlichen Projektgruppen geht es darum, Visionen zu entwickeln, um das Miteinander neu aufzustellen.

Eine besondere Rolle kommt im Amateurfußball den Schiedsrichtern zu. Ohne sie gibt es keinen Spielbetrieb. Sie stehen zudem im Brennpunkt, wenn übermotivierte oder frustriere Spieler, Fans und Eltern die Nerven verlieren. Dass dank eines finanzkräftigen Sponsors aus der Baubranche nun eine Stelle geschaffen werden kann „zur Bearbeitung des Themas Gewalt im Fußball und insbesondere gegen Schiedsrichter/innen“, wie es offiziell heißt, wertet Wirtgen als wichtiges Signal, dass der Reformprozess bei allen Verzögerungen langsam vorankommt. „Hier geht es um einen sechsstelligen Betrag über fünf Jahre. Es gibt inzwischen einige Leute, die sagen: ‚Was die da machen, ist außergewöhnlich.‘“

Um die Stimmung in den einzelnen Vereinen entscheidend zu verbessern, ist es zunächst mal wichtig, dass wieder ein gewisser Regelbetrieb auf dem Fußballplatz einkehrt. Und dass die Kinder und Jugendlichen, was sonst unüblich ist, nicht mehr länger neidisch nach Brandenburg blicken müssen.