Bob Hanning war am Sonntag in Neu-Ulm nicht vor Ort, als Christian Prokop den Kader bekanntgab, mit der er zur Handball-Europameisterschaft nach Kroatien fährt. Der Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Handballbundes (DHB), gleichzeitig auch Manager der Berliner Füchse, stößt erst am Donnerstag zur Nationalmannschaft. Er wurde von den 16 Namen aber nicht überrascht, die der Bundestrainer für die Titelverteidigung nannte.

Auf der Strecke blieben mit Finn Lemke (MT Melsungen), Fabian Wiede (Füchse Berlin) und Rune Dahmke (THW Kiel) drei Europameister von 2016, mit dabei sind mit Bastian Roschek und Maximilian Janke stattdessen zwei Neulinge von Prokops ehemaligen Verein SC DHfK Leipzig. In den Kommentaren der Experten und den Beiträgen in den sozialen Netzwerken überwiegt die Kritik die Zustimmung deutlich. Dafür hat Hanning, wie er im Interview erklärt, überhaupt kein Verständnis.

Hat die Kaderplanung des Bundestrainers den DHB-Vizepräsidenten Leistungssport überrascht?

Wir waren in die Gedanken von Christian Prokop eingebunden und wissen, dass er sich die Entscheidung nicht einfach gemacht hat. Ohnehin haben wir diese Entscheidung zu akzeptieren, die in der Argumentation schlüssig ist.

In der öffentlichen Debatte wird Prokop vorgeworfen, die Spieler, die er aus Leipzig kennt, zu bevorzugen.

Das ist typisch deutsch. Von diesem Gedanken sollte man ganz schnell Abstand nehmen. Dagur Sigurdsson hat mit Paul Drux und Fabian Wiede auch zwei Spielern den Weg in die Nationalmannschaft geebnet, die er aus der Vereinsarbeit in Berlin kannte. Der Bundestrainer trifft Entscheidungen für den deutschen Handball.

Für die könnte er kritisiert werden, wenn es bei der EM nicht rund läuft. Prokop setzt sich durch den Verzicht etablierter Kräfte einem Risiko aus.

Die Frage ist, ob ein Trainer populistisch oder inhaltlich handeln soll. Die Entscheidungen sind ja nicht aus dem Bauch heraus gefallen, sondern inhaltlich gewachsen. Noch mal: Es ist typisch deutsch, diese jetzt in Frage zu stellen. Ich wiederhole mich auch in einem anderen Punkt gerne: Dagur Sigurdsson hat ebenfalls Entscheidungen getroffen, die angezweifelt wurden. Und hinterher haben alle behauptet, dass sie ebenso gehandelt hätten.

Mit Sigurdsson wurde Deutschland vor zwei Jahren Europameister. Mit welchen Zielen muss der DHB in das Turnier starten?

Es muss unser Anspruch sein, jeden Gegner bei diesem Turnier schlagen zu können. Das habe ich schon immer so formuliert. Diesen Anspruch haben bei der EM aber fünf, sechs andere Nationen auch, was zeigt, wie eng die Spitze inzwischen zusammengerückt ist. Es wird für uns entscheidend sein, ob wir es schaffen, aus den Fehlern zu lernen, die wir in Frankreich gemacht haben.

Was meinen Sie damit?

Jeder Einzelne muss bereit sein, mehr in den Topf einzuzahlen, als er herausnimmt. Von diesem Pfad der Tugend waren wir ein Stück weit abgekommen.

Wie ist Ihr Eindruck, sind die Spieler auf diesen Pfad zurückgekehrt?

Ich glaube ja, aber aus meiner Sicht ist die Vorbereitung eigentlich zu gut gelaufen. Das war bei der WM in Frankreich fatal, weil es in der Vorrunde so gut lief und wir uns zu sicher fühlten. Das wurde bestraft. Vor diesem Hintergrund ist gut, dass wir in der Vorrunde in Kroatien auf drei Mannschaften aus dem ehemaligen Jugoslawien treffen. Da erwarten uns Auswärtsspiele und wir sind emotional von Anfang an voll gefordert.

Und in einer Hauptrunde würden Gegner wie Dänemark oder Spanien warten, die man wegen ihres Namens eigentlich nicht unterschätzen kann, oder?

Genau, diese Konstellation ist gut. Aber zunächst einmal geht es darum, gut durch die Vorrunde zu kommen, weil die Punkte aus den Duellen mitgenommen werden.

Bei welchem negativem Szenario bei dieser EM müsste sich der DHB Gedanken über die grundsätzliche Ausrichtung der Männer-Nationalmannschaft machen?

Ganz ehrlich, wenn ich mich zehn Prozent mit negativen Möglichkeiten beschäftigen würde, fehlten mir 20 Prozent Gedanken, die nach vorne gehen. Ich habe ein großes Grundvertrauen in die Mannschaft und den Trainer. Mein Anspruch war es immer, dass wir 2020 um die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen mitkämpfen können und sie möglichst auch gewinnen. Dieses Ziel wurde vor vier Jahren formuliert und gilt weiterhin. Auf diesem Weg sind wir gut unterwegs.