Hohes Risiko im Abstiegskampf: Hertha BSC muss seinem Trainer Pal Dardai eine einwöchige Nebentätigkeit als ungarischer Fußball-Nationaltrainer gestatten. Dabei könnte die „Alte Dame“ bei nur vier Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz jede Trainingseinheit mit dem Chefcoach gut gebrauchen.

Der jedoch pocht darauf, die Magyaren auf das EM-Qualifikationsspiel am Sonntag in Budapest gegen Griechenland vorzubereiten. „Dass Pal Dardai in seiner Doppelfunktion in der Länderspielpause statt Hertha die Ungarn trainiert, ist gefährlich“, warnte Lothar Matthäus in der Sport-Bild, „zumal danach das direkte Abstiegsduell gegen Paderborn ansteht.“

Der Rekordnationalspieler hat nicht unrecht. Sollte Hertha gegen den Aufsteiger verlieren, hängt der Klub wieder mittendrin im Schlamassel. Matthäus selbst trainierte von 2003 bis 2005 die ungarische Nationalelf, hatte nebenbei aber keinen anderen Klub zu betreuen.

Doppelspitzen keine Seltenheit

Dardai weist die Vorwürfe zurück, die Zeiten hätten sich geändert. „Matthäus musste früher alles allein machen. Ich habe es leichter“, sagte der 39-Jährige dem Kicker. Auffallend ist, dass Dardai versucht, die Beanspruchung für den Nebenjob stets herunterzuspielen. In der Rückrunde gebe es nur den einen Termin mit Ungarn, betonte der Ex-Profi mehrmals. Außerdem arbeite ihm beim ungarischen Verband mittlerweile eine ganze Armada von Mitarbeitern zu. Und jetzt komme noch der frühere Bundesliga-Co-Trainer Bernd Storck als Sportdirektor dazu.

Doppeltätigkeiten sind im Spitzenfußball so neu nicht. Immer wieder hat es Trainer gegeben, die sich mit einem Job nicht ausgelastet fühlten. Guus Hiddink trainierte zeitgleich den FC Chelsea und die die russische Nationalelf, Rinus Michels war Coach des FC Barcelona und der Niederlande.

In der Bundesliga gibt es derzeit aber keinen vergleichbaren Fall. Seit Sonntag ist Dardai in Sachsen Ungarn schon unterwegs. Die tägliche Arbeit auf dem Trainingsplatz in Berlin hat sein „Co“ Rainer Widmayer übernommen. Widmayer wird unterstützt von Routinier John Heitinga, der derzeit mehr als erfahrenes Sprachrohr, denn als Profi gebraucht wird. Beim 1:0-Sieg in Hamburg stand der niederländische Vize-Weltmeister von 2010 nicht einmal mehr im Kader. „Ich lasse Pal komplett in Ruhe, er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann“, hatte Widmayer der Bild gesagt.

Angenehme Rückendeckung für Dardai, der vom Job des Nationaltrainers nicht lassen kann. Mit Ungarn zur EM - das ist sein großes Ziel. Unmöglich scheint das nicht. In der Quali-Gruppe F liegt Dardais Team mit sieben Punkten auf Rang drei hinter Rumänien (10) und Nordirland (9).

Ungarns Verband dementiert Dardai-Ausstiegsklausel

Im Juni steht das nächste Quali-Spiel in Helsinki gegen Finnland auf dem Programm. Danach könnte für Dardai jedoch Schluss sein als Nationalcoach. Denn angeblich hat sich Hertha vertraglich zusichern lassen, dass der Nebenjob nur bis Sommer dauert. Der ungarische Verband dementierte die Klausel jedoch und setzt offenbar darauf, dass Herthas Rekord-Bundesligaspieler die Magyaren zur EM-Endrunde nach Frankreich führt. Das Problem der Doppelbeschäftigung könnte Hertha also auch noch in der kommenden Saison beschäftigen. (SID)