Danzig - Vicente Del Bosque hatte geahnt, dass die Aufgabe gegen Kroatien komplizierter sein würde, als die meisten dachten. Erst ganz am Ende durfte der Trainer der spanischen Nationalmannschaft endlich jubeln, als Jesús Navas in der 88. Minute den Siegtreffer zum 1:0 gegen Kroatien erzielte. Mit dieser wenig meisterlichen Darbietung sicherte sich der Titelverteidiger den Sieg in der Gruppe C vor Italien und könnte nun erst im Finale auf die deutsche Mannschaft treffen.

Die größte Gefahr für Del Bosques Team war die Selbstüberschätzung, das Wissen um die eigene spielerische Überlegenheit und das Wissen, dass ein Punkt im Notfall reichen würde.

Lektionen des Fußballs

Auf diese Weise tappten die Russen in die Falle der Griechen, was der spanische Trainer sehr wohl registriert hatte. „Der Fußball erteilt Lektionen, das haben wir zuletzt bei den Halbfinals in der Champions League gesehen und auch bei Russland und Polen“, sagte er am Tag vor dem Spiel. „Wir müssen wissen, was passieren kann und unsere fünf Sinne beisammen haben.“ Wobei Riechen und Schmecken vermutlich nicht zu Del Bosques Prioritäten gehörte.

Die Kroaten bezogen ihre Hoffnung lustigerweise von den Iren, die 0:4 gegen Spanien verloren hatten. „Okay, es hätte auch 0:7 ausgehen können, aber nach dem 0:1 hatten sie zwei, drei Möglichkeiten, ein Tor zu machen“, sagte Luka Modric, „wir werden vielleicht zehn Minuten den Ball haben und zwei, drei Chancen, da müssen wir hundert Prozent effizient sein.“

Fabregas nur auf der Bank

Das Vorbild von Trainer Slaven Bilic war aber nicht Irland, sondern Italien. „Normalerweise hat Spanien 70 Prozent Ballbesitz, beim 1:1 gegen Italien waren es nur 60, das ist ein entscheidender Unterschied.“ Das Mittelfeldspiel stören, Ballverluste erzwingen, kontern, war also der Plan der Kroaten, und natürlich ein schnelles Gegentor vermeiden. Auf dem Papier sah das gut aus.

Del Bosque hatte sich erneut für die Option mit Stürmer entschlossen und Fernando Torres vom FC Chelsea aufgestellt, während Cesc Fàbregas trotz seiner zwei Turniertore wieder grummelnd auf der Bank Platz nehmen musste.

Nachdem sich „La Furia Roja“ kurz vor dem Anpfiff im Stile einer Verwandlungskünstlercombo in „La Furia Azul“ verwandelt hatte, da die Spanier wegen der kroatischen Harlekin-Hemden statt im üblichen Rot in Blau antreten mussten, begann sie sogleich, Ballbesitz zu akkumulieren. 70 Prozent waren es nach sieben, 76 nach 15 Minuten.

Kroatien spielt Konter zu schlecht

Doch die Kroaten taten, was sie versprochen hatten, sie störten nach Kräften und schafften es so, den Ballbesitz weit weg von der gefährlichen Zone zu halten. Sie gingen zu dritt auf Andrés Iniesta los, sie gingen zu dritt auf David Silva los, und wenn ein Pass etwas ungenau kam, griffen sie blitzschnell an und suchten den Ballgewinn. Das klappte einige Male, doch die Konter wurden zu schlecht gespielt.

In der 27. Minute war der deutsche Schiedsrichter Wolfgang Stark gnädig mit den Spaniern, als Sergio Ramos im Strafraum mit der Sohle voran gegen den Wolfsburger Angreifer Mario Mandzukic grätschte und deutlich mehr Fuß als Ball traf. In der Folge änderte sich das Bild für eine Weile. Nun spielten sich die Kroaten ohne großen Effekt die Kugel zu, und die Spanier liefen hinterher.

Nach einigen Minuten normalisierte sich die Lage wieder, Ballbesitz zur Halbzeit: 68:32. In der Pause hatte Del Bosque offensichtlich einige klare Worte an den bis dahin blassen Iniesta gerichtet. Der fühlte sich nun jedenfalls bemüßigt, Dynamik in die spanischen Aktionen zu infiltrieren. Auf der anderen Seite waren es uncharakteristische Ballverluste von Xavi, welche Kroatien zu gefährlichen Angriffen einluden, so in der 59. Minute, als Ivan Rakitic frei zum Kopfball kam, Torhüter Iker Casillas aber gerade noch parieren konnte.

Spanien bekommt mehr Raum

Da den Kroaten − einen italienischen Sieg gegen Irland vorausgesetzt − ein 0:0 definitiv nicht genügte, verstärkte Bilic in der 65. Minute seine Offensive mit Nikica Jelavic und dem Dortmunder Ivan Perisic. Das bedeutete auch mehr Raum für die Spanier. In der 78. Minute zauderte der eingewechselte Fàbregas im Strafraum zu lange, im Gegenzug scheiterte Perisic an Casillas und wieder im Gegenzug ließ sich Sergio Busquets im letzten Moment stoppen.

Alles schien auf ein 0:0 hinauszulaufen, doch als Kroatien schließlich notgedrungen Tür und Tor öffnete, war der Weg frei für Xavi, Iniesta und schließlich Navas.