Ein so ungewöhnlicher wie herausragender Torhüter: Silvio Heinevetter.
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BerlinEs ist nicht die Verabschiedung, die man sich vorgestellt hatte – nicht seitens der Spieler, nicht vom Verein und schon gar nicht von den Fans. Kein großes Abschiedsspiel, keine Jubeltiraden des Publikums, kein letztes Abklatschen mit den Mannschaftskameraden. Während bei den Füchsen in dieser Saison sieben Spieler den Verein verlassen, fällt dieser unangemessen stille Abgang bei einem ganz besonders auf: bei Torhüter Silvio Heinevetter, der nach elf Jahren in der Hauptstadt zum Liga-Konkurrenten nach Melsungen wechselt.

Ein Transfer, der als er bekannt wurde, für viele unvorstellbar wirkte und einiges an Aufregung mit sich brachte. Schließlich steht Heinevetter, der sich zum Gesicht der Füchse entwickelt hatte, fast schon symbolisch für den Handball in der Hauptstadt. Als ihn Geschäftsführer Bob Hanning von Magdeburg an die Spree holte, war es ein Zeichen für höhere Ambitionen und für ein neues Image der zwei Jahre zuvor aufgestiegenen Reinickendorfer. Und der Funktionär sollte nicht enttäuscht werden.

Mit dem auffälligen Torhüter gelang nicht nur die Teilnahme an der Champions League, sondern ebenso der Sieg im deutschen Pokal (2014), im Europapokal (2015, 2018) und der inoffiziellen Vereinsweltmeisterschaft (2015, 2016). Erfolge, an denen Heinevetter einen großen Anteil hatte und die ihm zurecht einen Platz in der Nationalmannschaft einbrachten.

Seine, für viele unorthodoxe, unnachahmliche Art sich zwischen den Pfosten zu bewegen, die ihn teilweise quer in der Luft liegen lässt, nur damit im richtigen Moment der entsprechende Fuß oder die benötigte Hand hervorschnellt, um ein Tor zu verhindern, sicherte den Füchsen nicht nur einmal den Sieg. Niemand ist so schnell im Kopf seines Gegenspielers wie er und kann die Werfer zur Verzweiflung treiben. Nicht zuletzt, weil mit der sportlichen Leistung stets auch Wortduelle mit den gegnerischen Angreifern einhergehen.

Es sind diese Emotionen, für die der Name Silvio Heinevetter steht. Emotionen, die in jedem seiner 497 Spiele für Berlin greifbar waren. Beispielsweise, wenn er voller Elan seine Mitspieler vorantrieb und selbst bis zur Mittellinie voreilte, wenn er wiederholt frustriert auf den Hallenboden schlug, weil ihm ein Ball ins Netz ging, oder wenn er mit leicht verrückt-überdrehtem Gesichtsausdruck auf die Schiedsrichter zustürmte und diese in Diskussionen verwickelte. Bilder, die abseits des Spielfeldes nicht unterschiedlicher sein könnten.

Dort ist der gebürtige Thüringer kein Mensch der großen Worte oder unnötiger Phrasen. Ein ruhiger Vertreter, der lieber weniger sagt als mehr – gerne aber abgeschmeckt mit einer Prise trockenem Humor. Dass er sich nicht nur im Sport engagiert, bleibt dadurch von der großen Öffentlichkeit manchmal unbemerkt. Seien es kleine Aufräumaktionen auf der Straße, die Unterstützung von Anti-Krebs-Initiativen oder sein politisches Engagement im Rahmen der Europawahl, für die er seine Medienpräsenz nutzte, ohne sich selbst zu übersteigern.

Obwohl ihm der große Abschied verwehrt wurde, hat es sich Heinevetter nicht nehmen lassen, sich ein letztes Mal an die Füchse-Fans zu wenden. „Ich halte euch imaginär die Hand, schließe die Augen und stelle mir die ausverkaufte Max-Schmeling-Halle vor“, schrieb der 35-Jährige auf Instagram und versprach, dass ein Teil seines Herzens immer in Berlin bleiben werde.

Leise schwingt in seinen Zeilen mit, dass er seine Karriere lieber in der Hauptstadt beendet hätte. Hanning allerdings hatte sich im vergangenen Jahr gegen seine einstige Marke entschieden, Heinevetter dann seinen Vertrag in Hessen unterschrieben. So bleibt es bei einer letzten Aufnahme im Füchse-Trikot vom 8. März. Nach der 33:35 Niederlage in der heimischen Max-Schmeling-Halle gegen Flensburg wurden dem Keeper weitere Spiele verwehrt, weil die Saison aufgrund der Corona-Pandemie vorzeitig ihr Ende fand.

Heinevetter versucht sich trotzdem gewohnt gelassen: „Ich bin ja nicht aus der Welt.“ Nein, sicher nicht. Wenn er allerdings das nächste Mal in den Fuchsbau einläuft, wird er nicht von der hiesigen Vereinshymne begleitet. Er wird die Farben der MT Melsungen tragen, die sich mit seinem Wechsel ähnliches verspricht wie damals Bob Hanning. Und Heinevetter, wettbewerbsbissig wie er ist, wird sicher alles tun, um die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen – sei es auch gegen Berlin.