Nach dem letzten Heimspiel des 1. FC Union stand ein groß gewachsener Mann an der Absperrung des Medienbereichs. Er wurde von Verteidiger Roberto Puncec bekniet, doch bitte, bitte mit in die Kabine zu kommen. „Ach“, sagte der Mann, „da kennt mich doch keiner mehr.“ Er war mal ein Held: Torsten Mattuschka.

Im Spätsommer 2014 hatte sein Abschied ein Fanbeben ausgelöst. Der Groll über den Verlust hinterließ Risse, die dazu beitrugen, dass die Trainerkarriere von Norbert Düwel zerbrach. Inzwischen ist Mattuschka 36, kickt in der Oberliga bei der VSG Altglienicke und arbeitet in einem Fanshop.

Dass ihn bei Union keiner mehr kennt, ist natürlich gelogen. Aber sein Verzicht auf den Kabinenbesuch zeugt davon, dass Mattuschka ein Gespür dafür entwickelt hat, welche soziale Macht er hat und wann es besser ist, anderen ihren Platz zu überlassen.

Warum stand Mattuschka immer im Mittelpunkt?

Der Berliner Journalist Matthias Koch hat eine Biografie über den Fußballer geschrieben, dem die Fans des 1. FC Union ein eigenes Lied widmeten. Am Freitagabend um 20.30 Uhr wird sie in einer gemeinsamen Lesung mit dem Porträtierten im Friedrichshagener Kino Union präsentiert. „Kultkicker mit Herz und Plauze“, lautet der Titel.

Darin wird klar, warum Mattuschka immer im Mittelpunkt stand. Ob als Klassenclown in Cottbus, Tormaschine in Dissenchen oder Partymonster in Merzdorf. „Opa war wie ich ein Dummquatscher. Er hat Leute um sich geschart. Er hat gern gesessen, gefeiert und gesungen.

Den Lebemann habe ich von ihm geerbt“, sagt Mattuschka über die Person, die ihn wie keine andere prägte. Ohne seinen 2006 verstorbenen Großvater hätte er es nicht in den Profifußball geschafft.

Ein Highlight ist das Schlusskapitel - ein Best-of des Schabernacks

Koch hat den Aufstieg und Fall Mattuschkas seit seiner Ankunft beim 1. FC Union vor zwölf Jahren begleitet. Für die Biografie hat er Trainer, Mitspieler, Freunde, Berater und Familie und natürlich Mattuschka selbst interviewt.

Diese Nähe schlägt sich in einer Detailverliebtheit nieder, die Fanherzen höherschlagen lässt: Warum er als Achtjähriger seine Mutter beklaute, wofür er nach dem Mauerfall das Begrüßungsgeld ausgab, was ihn vor dem BFC Dynamo rettete, wie viel (oder wenig) er beim 1. FC Union verdiente, welche Kollegen die Partys mit Magenbeschwerden verließen – und vieles mehr. Ein Highlight ist das Schlusskapitel, ein Best-of des Schabernacks.

An einigen Stellen verliert sich der Autor etwas in den Fakten. Die Erzählung gleicht einer Chronik, die teils zu nah am fußballerischen Fortgang haften bleibt. Der Mensch hinter den Toren und Sprüchen hätte mehr zum Vorschein kommen dürfen.

Aber auch so tragen Mattuschkas Humor und sein Werdegang geschwind über die 175 Seiten. „Im von Normen geprägten Profigeschäft ist wenig Platz für Individualisten wie Tusche“, schreibt Weltmeister Christoph Kramer im Vorwort. Nur Mattuschkas Frau Susanne versteht den Rummel nicht: „Für mich ist er ein ganz normaler Ehemann und kein Weltwunder.“

Matthias Koch: Torsten Mattuschka − Kultkicker mit Herz und Plauze. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2017. 14,90 Euro.