Und ganz Fußballfrankreich stöhnt auf: Kylian Mbappé wird im französischen Pokalfinale übel gefoult.
Foto: AFP/van der Hasselt

BerlinKylian Mbappé ist ein gebildeter Mensch. Und er überlässt nichts dem Zufall. Der Fußballprofi des französischen Meisters und Pokalsiegers Paris Saint-Germain wählt Worte und Gesten mit Bedacht. Die Öffentlichkeit wiederum hat gelernt, bei dem 21 Jahre alten Angreifer genau hinzuhören und hinzusehen – und ihre Schlüsse zu ziehen.  Und immer wieder muss Thomas Tuchel sich dazu erklären, muss der Trainer Situationen bewerten. Neulich erst hatte Mbappé anlässlich des 50-jährigen Vereinsjubiläums im kommenden Monat mitgeteilt, er sei „stolz, Teil dieses neuen Kapitels in der Klubgeschichte sein zu können“.

Alles nur Poker? Eine Motivationshilfe für Real Madrid oder andere interessierte Großklubs im Bieterwettbewerb? Das fragte etwa die Zeitung Le Parisien, und Tuchel beeilte sich festzustellen: „Er hat einen Vertrag in Paris“, bis 2022 nämlich, „und wir sind nicht bereit, ihn zu verkaufen. Er ist superwichtig für uns, er ist ein Schlüsselspieler, und es ist ein Geschenk mit ihm und den anderen zu arbeiten: Neymar, Verratti, Marquinhos.“

Seit dem vergangenen Freitagabend hat sich die Situation geändert, nicht grundsätzlich, eher akut. Wieder hat eine Geste eine Rolle gespielt, allerdings eine unfreiwillige: Ein Griff an den rechten Knöchel, Mbappé lag auf dem Rasen des Stade de France mit verzerrtem Gesicht. Das Finale des Coupe de France war gerade eine halbe Stunde alt, Paris führte 1:0, da senste Saint-Étiennes Loic Perrin den Stürmer um. „Es hat ein wenig geknackt“, sagte Mbappé später. Und Fußballfrankreich stöhnte auf, inklusive Präsident Emmanuel Macron.

Der anfängliche befürchtete Knöchelbruch wurde von der medizinischen Abteilung alsbald zu einer schweren Verstauchung des Sprunggelenks herabgestuft. Er konnte seinen rechten Fuß aufsetzen und kehrte sogar auf die Reservebank zurück, von wo aus er den 1:0-Sieg seiner Mannschaft beobachtete und an Krücken an den Feierlichkeiten teilnahm.

Ein Kampf gegen die Uhr hat nun begonnen für die medizinische Abteilung des Vereins und ihren prominenten Patienten. Zehn bis fünfzehn Tage zur Genesung werden für eine solche Verstauchung bei einem Profi veranschlagt. Am 12. August beginnt die Endrunde der Champions League in Lissabon. Saint-Germain wird im Viertelfinale auf Atalanta Bergamo treffen.

Pariser Medien zogen einen Spezialisten für eine Art Ferndiagnose hinzu, der feststellte, dass Mbappé vermutlich gegen Bergamo auflaufen könne, wenn die Knochen nicht in Mitleidenschaft gezogen seien, was weitere Untersuchungen ergeben sollten. Doch der Profi aus der Stadt Bondy im Département Seine-Saint-Denis im Speckgürtel von Paris hat in jüngerer Vergangenheit nicht die besten Erfahrungen in der Champions League gemacht. Im vergangenen Frühjahr war sein Team im Achtelfinale an Manchester United gescheitert.

Auch damals waren es scheinbar beiläufige Bemerkungen und kleine Gesten, die für Aufregung im Umfeld des Klubs sorgten. Und der Zeitung L’Équipe zufolge bat Mbappé um eine vorzeitige Freigabe für einen Wechsel. Demnach hätten die Verantwortlichen um den katarischen Präsidenten Nasser Al-Khelaifi ihrem Angestellten allerdings klargemacht, dass sie ihn nicht ziehen lassen würden. Dass er ein zentraler Baustein ihres Projektes sei.

An Sportdirektor Leonardo erging der Auftrag, eine vorzeitige Vertragsverlängerung in die Wege zu leiten. Weit gekommen zu sein scheint dieser dabei nicht, was den Spekulationsbedarf um die Personalie des mit 180 Millionen Euro veranschlagten und damit teuersten Fußallspielers der Welt nochmals erhöhte. Es war erneut L’Équipe, die herausgefunden haben wollte, Zinédine Zidane wolle als sportlich Verantwortlicher bei Real Madrid den Angreifer erst im kommenden Jahr umwerben.

Andere Kommentatoren äußerten ernsthafte Zweifel, die französische Meisterschaft könne weiterhin einen ausreichend großen Reiz auf Mbappé ausüben. Seit 2015 spielt er immerhin schon in der Ligue 1, zunächst für den AS Monaco, 2017 folgte er dem Ruf der des Klubeigners Qatar Sports Investment und wechselte zu  Paris Saint-Germain.

Wiederum andere spekulierten im vergangenen Frühjahr, der Einzug ins Viertelfinale der Champions League durch einen Erfolg über Borussia Dortmund könnte den Star besänftigt und zum Bleiben bewegt haben. Sie zogen einen Eintrag auf Instagram als Indiz heran, in dem Mbappé offenbar eine Arie aus der Oper „La fille du régiment“ von Gaetano Donizetti zitierte: „Chacun le sait, chacun le dit.“ Jeder weiß es, jeder sagt es, und dieses Zitat garnierte er mit einem Herzen und der Feststellung: „Vermisse mein Team.“

Vorerst ist es vor allem aber umgekehrt: Sein Team vermisst ihn. Er ist die erfolgreichste Offensivkraft der Pariser: Fünf Tore und fünf Vorlagen steuerte er in bislang sieben Spielen der Champions League bei. 18 Treffer und sieben Assists waren es in den 20 Partien der Ligue 1 bis zum Abbruch der Saison.

Die Opéra-comique übrigens, aus der sich Kylian Mbappé mutmaßlich bediente, ist schlicht in ihrer Handlung und hat musikalisch viel Schwung. Sie erzählt die Geschichte einer Liebe, die zuerst scheitert. Am Ende jedoch überwindet sie alle Hindernisse.