Es ist etwa zwei Jahre her, seit Max Kruse, 25, mit dem FC St. Pauli in die Zweite Bundesliga abstieg. Keiner konnte da ahnen, dass der Stürmer in seinem vierten Länderspiel zur Startelf der deutschen Nationalmannschaft gehören wird, die sich heute in Köln (20.45 Uhr, ARD) mit einem Sieg gegen Irland für die WM 2014 qualifizieren kann.

Herr Kruse, Sie haben früher selbst gepfiffen. Warum haben Sie die Schiedsrichterei abgebrochen?

Ich musste mich entscheiden zwischen Fußball und Schiedsrichterwesen. Da war dann klar, dass ich den Weg als Fußballer einschlagen würde.

Wie kam es überhaupt dazu?

Ich habe das erste Mal bei einem internen Spiel gepfiffen. Das hat richtig Spaß gemacht. Mein bester Freund war Schiedsrichter. Also habe ich auch den Schein gemacht.

Sind Sie Schiedsrichtern gegenüber jetzt gnädiger?

Nee, eher andersrum. Man denkt halt, man sähe alles besser, weil man selber Schiedsrichter war.

Hat Ihre Karriere unter der Schiedsrichterei womöglich gelitten?

Es hat zwar länger gedauert, bis ich mich durchgesetzt habe, aber das hatte weniger mit meiner Tätigkeit als Schiedsrichter zu tun.

Womit denn?

Ich habe den Fokus nicht ausreichend auf den Sport gelegt, sondern noch ein paar Dinge nebenbei gemacht, die mich beeinträchtigt haben beim Fußballspielen.

Was waren das für Dinge?

Als Jugendspieler war ich schon mal ein bisschen länger unterwegs.

Kennen Sie sich auf dem Kiez in St. Pauli also etwas zu gut aus? Hans-Albers-Eck? Mary Lou, La Paloma?

Nee, kenne ich gar nicht. Ich gehe mittlerweile auch nur noch in Maßen weg. Ich bin ja auch Vater geworden und habe einen Sohn. Da verschieben sich die Prioritäten.

Sie sind mit dem FC St. Pauli in die Bundesliga auf- und wieder abgestiegen. Gab es gar keine Angebote?

Nach dem Aufstieg hat sich die Frage erübrigt. Da wollte ich im Kultklub St. Pauli Bundesliga spielen. Und nach dem Abstieg habe ich, ehrlich gesagt, tatsächlich keine Angebote erhalten. Wahrscheinlich war das auch ein Knackpunkt: Ich habe gespürt, dass ich mehr tun muss, denn ich glaubte ja, dass ich eigentlich gut genug für die Bundesliga bin. Es war an der Zeit, mich selbst zu hinterfragen.

Und vom Vater gab es auch eine klare Ansage?

Die gab es schon immer. Ich hatte auch an mich selbst den Anspruch, mit 23 nicht mehr in der Zweiten Liga zu spielen. Also musste ich mehr investieren. Das habe ich dann ein wenig gemacht.

Das Wenige hat offenbar gereicht, um nun als einziger Stürmer im Aufgebot von Joachim Löw zu stehen. Was ist an Ihnen eigentlich mehr Stürmer als an Thomas Müller oder André Schürrle?

Die beiden kommen noch mehr als ich schnell über die Außen. Ich bin nicht so der große Übersteigerspieler, der viele Tricks drauf hat. Mein Ding ist es eher, die Bälle schnell auch wieder abzugeben, um dann wieder in die richtige Position zu laufen.

Was Sie geraume Zeit als Mittelfeldspieler getan haben.

Ja, bis ich in Freiburg unter Christian Streich zum falschen Neuner wurde. Da habe ich gespürt, dass mir das liegt. Es war offenbar der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel in den Sturm. Denn wir sind im Mittelfeld in Deutschland überragend aufgestellt.

Als einziger Stürmer ist es sicher ein Selbstläufer, dass Sie gegen Irland dann auch von Beginn an spielen.

Das kann ich nicht bestätigen. Es können auch andere spielen.

Thomas Müller wird dort nicht spielen, das hat der Bundestrainer bereits verkündet. Und für Mario Götze plant er allenfalls 20 Minuten in der Schlussphase. Klingt verdächtig danach, dass Sie dran sind.

Natürlich würde ich mich sehr freuen, aber entscheidend ist, dass wir die Qualifikation schaffen. Ich wäre auch nicht sauer, wenn ich auf der Bank sitzen müsste.

Manager Oliver Bierhoff hat gesagt, es zeichne Sie besonders aus, dass sie Spaß daran hätten, anderen die Bälle aufzulegen.

Auflegen oder selber machen – Hauptsache Tor. Für mich ist es jedenfalls eine Selbstverständlichkeit, dass ich den Ball rüberlege, wenn ich jemanden sehe, der besser postiert ist.

Wie wichtig war der Wechsel von Freiburg zu Gladbach?

Ich hatte in Freiburg ein überragendes Jahr. Aber diesen Erfolg zu wiederholen, wäre eher unwahrscheinlich gewesen. Bei dem Angebot aus Mönchengladbach habe ich mich sofort wohlgefühlt. Das hat sich bislang bestätigt.

Ihre Ablöse war auf 2,5 Millionen Euro festgeschrieben. Hatten Sie die freie Auswahl?

So würde ich es nicht sagen. Es gab sicher die eine oder andere Anfrage. Aber ich habe mich bewusst sehr früh entschieden, weil ich in diesem Moment das volle Vertrauen von Gladbach gespürt habe.

Woran liegt es, dass Sie einst wie ihr Freund Martin Harnik von Werder Bremen weggeschickt wurden.

Zu dieser Zeit war noch eine andere Generation am Werk. Da wurde vor allem auf die Älteren gesetzt. Das war damals der Trend, das will ich auch niemandem vorwerfen. Trotzdem glaube ich, dass ich die Qualität gehabt hätte, mich auch dort durchzusetzen.

Sie haben zuletzt nicht nur durch sportliche Leistungen auf sich aufmerksam gemacht, sondern auch durch Ihren Maserati in Tarnfarben. Ist das auch als militante Botschaft zu verstehen?

Gar nicht. Mir kommt es darauf an, ob ein Auto gut aussieht oder nicht. Dazu hat jeder seine Meinung. Martin hat mir den Tipp zu dieser Farbe gegeben. Mir hat es gleich gefallen. Ich kann aber auch verstehen, wenn es jemandem nicht gefällt. Das interessiert mich aber nicht weiter.

Ärgert es Sie, dass der Maserati solche Schlagzeilen gemacht hat?

Ich habe anderes zu tun, als mich damit zu beschäftigen, ob die Leute mein Auto mögen oder nicht.

Merken Sie daran, dass Sie jetzt mehr in der Öffentlichkeit stehen?

Mir war es schon klar, dass ich mit dem Wechsel nach Gladbach mehr im Fokus stehen würde. Trotzdem habe ich mich im Sommer bewusst für das Auto entschieden. Mein Berater hat gleich gesagt: Du musst wissen, dass das ein Thema wird und irgendwo in der Zeitung steht.

Und ein Kindersitz passt auch rein?

Der passt rein, ja. Es ist zwar ein Zweitürer, man kann aber auch zu viert drin sitzen.

Das Gespräch führte Jan Christian Müller.