Abstand halten: Beim FC Schalke wird für den Neustart der Bundesligasaison trainiert.
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GelsenkirchenEs ist ein ziemlich unrühmlicher Status, den der FC Schalke 04 sich in diesen ersten Wochen der Corona-Krise erarbeitet hat. Der Revierklub ist ohne jeden Zweifel der Bundesligaverein, über den die bedrohlichsten Lageberichte kursieren. Nun wurde auch noch bekannt, dass die Schalker schon vor der Saisonunterbrechung massiv in Geldnöten steckten. Nach Informationen der Bildzeitung haben die Verantwortlichen irgendwann in der Vergangenheit beschlossen, sich die im Mai zu erwartenden TV-Gelder von rund 15 Millionen Euro zu einem früheren Zeitpunkt von einem Kreditgeber auszahlen zu lassen. 

Als „Forfaitierung“ wird diese Form der Geldbeschaffung bezeichnet. Wenn also die dringend erwartete vierte Tranche der Einnahmen aus dem Verkauf der Medienrechte fließt, wird Schalke keine Gehälter und Rechnungen bezahlen können. Die Mittel werden direkt weitergereicht.

Tönnies macht sich "große Sorgen"

Der Klub hat bislang nicht bestätigt, dass die Berichte über die Forfaitierung stimmen, aber nach Informationen dieser Zeitung gehört Schalke 04 tatsächlich zu einem Kreis von Vereinen, die die herbeigesehnten Zahlungen nicht zur Linderung der Liquiditätsprobleme nutzen können. Weil das Geld ihnen gar nicht mehr gehört. Angeblich leiden fünf bis zehn Erst- und Zweitligisten unter diesem Problem, aber Schalke ist wahrscheinlich der prominenteste Vertreter dieser Fraktion.

„Potenziell existenzbedrohend“ sei die Lage, teilte der Verein schon vorige Woche in einem Schreiben an die Dauerkarteninhaber mit, die darum gebeten wurden, auf eine Rückzahlung der Ticketpreise für die noch ausstehenden Spiele zu verzichten. Marketingvorstand Alexander Jobst bezeichnete die Lage als „sehr ernst“, und der mächtige Aufsichtsratschef Clemens Tönnies sagte in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“, er mache sich „große Sorgen um Schalke“. Normalerweise gut informierte Medien hantieren bereits mit Insolvenzszenarien, die dunkle Rhetorik der Verantwortlichen wirkt bedrohlich.

Dabei sind es nicht einmal die 198 Millionen Euro Schulden, die die Lage so gefährlich machen. Die Krise trifft den Klub in einem historisch ungünstigen Moment, weil die Mannschaft relativ teuer ist, aber im laufenden Spieljahr Einnahmen aus dem Europapokal fehlen. Hinzu kommt, dass der Konzern ein besonders coronaanfälliges Geschäftskonstrukt entwickelt hat.

Das Stadion befindet sich im Besitz des Klubs, die Konzerte, die in der Arena stattfinden, sind eine wichtige Einnahmequelle für den königsblauen Konzern. Nun fällt der Veranstaltungssommer aus. Auch das Catering rund um die Fußballspiele und all die anderen Events betreibt der Schalker Fußballkonzern selbst. In normalen Zeiten ist das ein Vorteil gegenüber anderen Klubs – derzeit entstehen zusätzliche Kosten.

Ohne Fußball bleibt wenig bis nichts

Finanzchef Peter Peters klang schon in der vorigen Woche ziemlich verzweifelt, als er in einem Facebook-Chat mit Fans des FC Schalke 04 über die Lage des Revierklubs diskutierte. „Wir haben es ein Stück weit falsch eingeschätzt. Wir haben gedacht, wir haben eine schöne Catering-Gesellschaft, wir haben digitale Medien und andere Geschäftsfelder. Aber auf einmal stellen wir fest: Wenn der Fußball nicht mehr da ist, dann bleibt uns wenig, vielleicht auch nichts.“

Schalke 04 gehört damit ohne Zweifel zu den Klubs, die am heftigsten unter der Notlage leiden, auch die TV-Gelder und eine Saisonfortsetzung mit Geisterspielen, löst die Probleme nicht im Grundsatz. Denn auf Schalke ist ein risikofreudiger Umgang mit Geld unter der Ägide von Finanzvorstand Peters und dem von Clemens Tönnies angeführten Aufsichtsrat zu einem festen Bestandteil der Unternehmenskultur geworden.

Es gab die berühmte Schechter-Anleihe, mehrfach musste Tönnies Liquiditätsengpässe mit Privatkrediten bekämpfen, und der Schuldenberg, der vor 20 Jahren durch den Bau der Arena entstand, ist immer noch vorhanden. Während Konkurrenten wie Mönchengladbach oder Dortmund in den vergangenen 15 Jahren eine immer größere Substanz schufen, Schulden abbauten und nun gute Perspektiven haben, droht dem FC Schalke die Insolvenz. Nicht zu befürchten ist allerdings ein Verschwinden des Klubs von der Fußball-Landkarte.

Denn eine Insolvenz wäre nicht das Ende von Schalke 04. In diesem Fall wären die Schulden erstmal weg, die Gläubiger würden wahrscheinlich das Stadion bekommen und auch das Vereinsgelände – Immobilien, für die es nur einen denkbaren Mieter gibt: Schalke 04. Die Profis hätten die Möglichkeit, zu kündigen, was Werte vernichten würde, andererseits böte sich auf dem durch Corona geerdeten Transfermarkt des kommenden Sommers die Möglichkeit, den seit Jahren überteuerten Kader grundlegend zu erneuern. Sanktionen wie einen Abstieg oder Punktabzüge gibt es hingegen derzeit nicht.

Wahrscheinlicher ist aber, dass Schalke 04 doch wieder neue Geldquellen findet, dass die Spieler auf noch mehr Gehalt verzichten, dass Clemens Tönnies neue Überbrückungskredite gibt.