Die Sommerpause im Fußballsport ist eine willkommene Zeit für Änderungen und neue Ziele. In Neukölln hat derzeit ein Landesliga-Klub besonders ambitionierte Absichten. „Auf kurz oder lang wollen wir in den bezahlten Fußball“, sagt Danny Northagen.

Der 43-Jährige ist Sprecher des Klubs, der bis vor kurzem noch 1. FC Neukölln hieß. In der abgelaufenen Saison konnte der Klassenerhalt gerade noch gesichert werden. Nun wollen die Neuköllner aufsteigen. Mit neuem Namen. Der 1. FC Neukölln heißt jetzt: 1. FC Novi Pazar Berlin 95.

Die seltsam anmutende Kombination hat eine Geschichte – und ein Gesicht. Es ist das Gesicht von Ismet Bisevac. Der 46-Jährige mit kräftiger Statur und ruhiger Stimme ist Hochbauunternehmer in Kreuzberg. Er selbst wuchs im heute serbischen Novi Pazar auf und kickte beim dortigen FK, dem er heute auch finanziell unter die Arme greift. Er pflegt gute Kontakte in die Stadt an der Grenze zum Kosovo, die etwa ein Fünftel der Einwohnerzahl des Bezirks Neukölln hat.

Auch im Berliner Fußball ist Bisevac kein Unbekannter. Schon 2003 betätigte er sich bei Türkspor. Anschließend war er sechs Jahre 2. Vorsitzender beim BFC Preussen. Vor etwa einem halben Jahr stieg er beim Klub vom Hertzbergplatz ein, um nur kurz darauf die Idee vom neuen Verein zu konkretisieren. Der Plan fiel auf fruchtbaren Boden.

Ein kurioser Streit

Denn der 1895 gegründete 1. FC Neukölln war oftmals nicht mehr als ein wohlklingender Name für Fußballhistoriker. In den 20er-Jahren gehörte er neben Viktoria und Hertha zu den großen Klubs der Stadt. In Titel und Trophäen konnte das allerdings nie übersetzt werden. Sportlich rückte die Ende der 90er Jahre aufgelöste Frauenfußball-Abteilung in den Fokus – jedoch negativ. Nach dem einmaligen Ausflug in die Frauenbundesliga hat der Verein noch heute den letzten Platz der ewigen Bundesligatabelle inne – mit 18 Niederlagen aus 18 Spielen.

Seitdem beherrschten andere Schlagzeilen das Geschehen. Nach einem kuriosen Streit darf der Verein nicht ins Vereinsheim am Hertzbergplatz. Der Bezirk Neukölln hatte geklagt, weil der Pächter vertragswidrig auch Vereinsfremde bewirtet hatte. Bis heute leisten einige, zumeist ehemalige Mitglieder Bürgschaftszahlungen für das Heim. Zudem gab es vor wenigen Jahren einen großen Aufschrei nach antisemitischen Entgleisungen beim Aufeinandertreffen mit TuS Makkabi.

Die Umbenennung und das Konzept von Bisevac sind für viele daher ein willkommener Neuanfang. „Das schwerste war, den Leuten zu erklären, dass der alte Name zur Hälfte Geschichte ist“, sagt er. Einige Alteingesessene, die einst mit dem Klub verbunden waren, stören sich am Namen und den neuen Vereinsfarben. Das Wappen ist jetzt in der gleichen Schriftart gehalten, wie sie der große FC Barcelona vor einigen Jahren für seine Trikots benutzt hat.

„Die Tradition des Vereins liegt uns am Herzen, und die wollen und werden wir auch am Leben halten“, garantiert Danny Northagen. Wichtiger sei nun allerdings, etwas Neues zu schaffen. Den Einstieg von Bisevac sehen die meisten als umumgänglich. „Das Herz sagt nein, aber der Verstand sagt ja“, fasst ein Mitglied zusammen, das dem Verein seit 1966 angehört. Die Zukunft des Vereins ist derzeit wichtiger als seine Vergangenheit. „Wir brauchen einen starken Unterbau“, sagt der gerade ernannte Präsident.

Kooperation mit Serbien

Bisevac will zehn bis 15 neue Jugendmannschaften in den nächsten Jahren heranziehen. Zudem wird in der nahen Mareschstraße eine Geschäftsstelle eingerichtet. Die Namenspatenschaft mit dem Klub aus Serbien soll außerdem nicht nur anekdotischer Natur sein. Bisevac plant, den 1. FC Novi Pazar 95 zum Sprungbrett für junge Spieler aus dem serbischen Fußball zu machen.

Ob und wie dies gelingt, ist wohl die noch größte ungeklärte Frage; nicht nur, weil der FK Novi Pazar nach fünf Jahren in der serbischen SuperLiga als Tabellenletzter in die Zweitklassigkeit abstieg. „Alles, was dabei passiert, wird ordentlich und sauber ablaufen“, versichert allerdings Northagen.

Dem Klub sagte man in jüngster Vergangenheit die ein oder andere Unregelmäßigkeit bei der Vereinsführung nach. Zudem ist hinlänglich bekannt, dass es im unterklassigen Berliner Fußball einige andere Klubs mit ähnlich großen Ambitionen gab, die Ambitionen blieben.

Daher wurden Fakten geschaffen. Seit vergangener Woche ist die Mannschaft wieder im Training. Es gibt 14 Zugänge. Lediglich acht Spieler aus der Vorsaison durften im Kader bleiben. Die Marschrichtung ist klar. „Wir wollen etwas Besonderes schaffen. Es ist Zeit für eine Wachablösung in Neukölln“, sagt Northagen kämpferisch. Klappern gehört beim 1. FC Novi Pazar ab jetzt zum Handwerk.

„Ich strebe einen einstelligen Tabellenplatz an“, sagt Bisevac mit einem Augenzwinkern. Er weiß, dass es unter den Voraussetzungen für den Verein eigentlich nur um Rang eins oder zwei gehen darf. Dann würde die Berlin-Liga warten. Doch die Ziele sind schon vor der nächsten Sommerpause viel größere.