Berlin - Eine Bindung zu den Bergen kann der Berliner in der eigenen Stadt nicht so recht aufbauen. Die größten Erhebungen, der Teufelsberg und die Arkenberge, sind künstlichen Ursprungs, aber selbst der große Müggelberg, mit seinen 114,7 Metern immerhin das höchste natürlich Gebilde der Hauptstadt, ist nicht gerade bis weit hinter die Stadtgrenzen zu sehen. Und generell fühlt man sich als Berliner, der luftlinientechnisch jeweils knapp 200 Kilometer von Ostsee und Harz entfernt ist, auch ein wenig hin- und hergerissen. „Ich sage immer, dass es den Berg- und den Strandtypen gibt“, erzählt Ron Scheduikat.

Blickt man auf die Instagram-Seite des Berliners sieht man, dass sich der 29-Jährige durchaus zu den Bergen hingezogen fühlt, mittlerweile eine große Leidenschaft für das Mittel- und Hochgebirge entwickelt hat. Und: „Wenn man generell gerne in den Bergen ist, dort wandert und auch noch Läufer ist, kommt man irgendwann auf die Idee, dass man auch mal in den Bergen laufen könnte“, erzählt er. Als er bei einem Urlaub in den Alpen einen Wanderweg sah, der mit sechs Stunden angegeben war, weckte das den sportlichen Ehrgeiz: „Das geht doch schneller, dachte ich mir. Und irgendwann kommt man relativ schnell darauf, dass es da auch einen richtigen Sport gibt.“

Im Oktober des vergangenen Jahres hat Scheduikat den Brockenmarathon absolviert, er lief die Strecke über die höchste Erhebung des Harz in 3:12,50 Stunden. Es war sein sechster Brockenmarathon, insgesamt ist er beim Harzgebirgslauf auf verschiedenen Streckenlängen unterwegs gewesen. Die Bindung zum Harz geht mittlerweile so weit, dass er seiner Frau dort vor einem Marathon sogar einen Heiratsantrag gemacht hat. „Das war eigentlich ganz lustig, denn wer verlobt sich und ist dann erst einmal drei Stunden weg?“, erzählt der 29-Jährige.

Das kann nur jemand sein, der ein ganz besonderes Verhältnis zu den Bergen aufgebaut hat. Liebe auf den ersten Blick war es allerdings nicht, beim ersten Lauf im Harz hatte es noch nicht so richtig gefunkt zwischen dem damals 16 Jahre alten Läufer aus Berlin und der Strecke im Mittelgebirge. „Vor meinem ersten Lauf haben wir einfach flach trainiert und ich wusste einfach gar nichts. Ich wusste, dass es ein wenig bergauf und bergab ging, mehr nicht“, erinnert er sich, „das war ziemlich blauäugig. Es war ein Fehler, nicht zu wissen, wie man so ein Rennen angeht.“ Die ersten drei Kilometer der Strecke, die er damals gelaufen ist, sind ziemlich wellig. Danach aber kommt eine ungefähr einen Kilometer lange Rampe, wo es ziemlich steil bergauf geht. „Und es war so, dass ich mich auf diesem einen Kilometer völlig abgeschossen habe, weil ich dachte, dass man nur da hoch muss und dann alles vorbei ist und es von da an den Berg runtergeht. Aber wir waren völlig blau, flach und bergab zu laufen war deutlich schwieriger, als man es sonst gelaufen wäre“, sagt Scheduikat.

Heute ist er freilich schlauer. Kennt fast jede Ecke beim Harzgebirgslauf, aber weiß vor allem, worauf es beim Laufen in den Bergen ankommt. Er weiß, dass man so einen klassischen Gebirgsmarathon in zwei Abschnitte unterteilen kann. „Man läuft zirka 21 Kilometer bergauf und dann läuft man zirka 21 Kilometer bergab“, sagt er, „bergauf ist nicht sonderlich schnell, aber bergab ist dann schneller und ich weiß, was kommt. Und ich weiß, dass ich einigermaßen gut hochkommen muss, versuchen muss, nicht zu gehen, sondern das Ding durchzulaufen. Und dann müssen irgendwann die Muskeln beim Bergablaufen halten, weil bergab staucht und man vorher schon eine größere Strecke gelaufen ist.“

Jeder, der schon einmal im Gebirge wandern war, weiß um die Schwierigkeit, wenn es den Berg wieder runter geht. Was erst einmal nach Erholung und einem flotten Tempo klingt, endet schnell mal mit einem umgeknickten Fuß. „Auf so einem Forstweg, der leicht bergab geht, kann man sich schon entspannen, aber in den Alpen ist volle Konzentration gefragt, da kann man sich nicht entspannen“, sagt Scheduikat. „Wenn ich im Harz bergab laufe, würde ich links und rechts im Wald landen, aber in den Alpen lande ich links und rechts härter. Das ist viel gefährlicher, und dort abzurutschen kostet viel mehr. Mindestens eine starke Verletzung.“ Deshalb ist gerade bergab noch mehr Konzentration als beim Erklimmen des Berges gefragt. „Es ist wichtig, dass man den Schritt dahin setzt, wo man den Schritt hinsetzen möchte. Sobald man noch einmal umdenkt, kann etwas passieren“, sagt der Berliner.

Aus eigener Erfahrung weiß er, dass man auch mit der Energie bei einem Gebirgslauf anders haushalten muss. Bei fast allen Bergläufen, wo es bergauf und bergab geht, ist die zweite Hälfte besonders wichtig. Es ist die Hälfte, die es erlaubt, schneller zu laufen. Man müsse versuchen, sich die Energie so gut einzuteilen, dass man dafür noch genug Kraft hat, deutlich mehr Kraft als sonst. „Normalerweise würde man den ersten Halbmarathon ziemlich schnell loslaufen und schauen, dass man es bis zum Ende durchbekommt. Im Gebirge muss man die erste Hälfte etwas entspannter angehen lassen, um dann noch für das Runterkommen Kraft zu haben. Dadurch, dass man das eigene Körpergewicht und noch ein wenig mehr immer in den Boden presst, wird es schwieriger.“

Der richtige Schuh kann helfen, die Anstrengung zu minimieren. Im Harz nimmt Scheduikat den normalen Laufschuh, in den Alpen vertraut er einem speziellen Trial-Schuh, der mehr Grip verleiht und mit einer Fersenkappe vor Verletzungen schützt. Dort ist zudem selbst im kleinen Trainingslager der Rucksack ein treuer Begleiter. Aus gutem Grund. Spätestens seit im Jahr 2008 beim Zugspitz-Extremlauf infolge eines Wetterwechsels zwei Läufer starben, sei es verpflichtend, dass man in den Alpen bei einem Wettkampf einen kleinen Rucksack mitführt. Darin enthalten: regenfeste Klamotten, Kleidung, die alles bedeckt, ein Erste-Hilfe-Set und ein aufgeladenes Handy.

Den kleinen Begleiter hatte Ron Scheduikat auch in diesem Sommer dabei. Coronabedingt nicht bei einem Wettkampf, sondern beim persönlichen Gebirgslauf. Immerhin blieb bei diesem Training etwas Zeit für das, was sonst nicht möglich ist: Mal stehen zu bleiben, sich umzuschauen und die Landschaft und Berge zu genießen. In Berlin gibt es davon ja nicht so viele.