Hobbysportler greifen immer häufiger auf technische Helfer zurück, auch um ihre Zeiten auszutauschen.
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BerlinDirekt neben dem Eingangsportal zu dem Tunnel, der den Großen Tiergarten an der Straße des 17. Juni mit der Siegessäule verbindet, ist immer wieder zu beobachten, wie Läufer es kaum erwarten können, auf ihr Handy zu schauen. Anders als die meisten Fußgänger, Radfahrer oder andere Jogger, die diesen nervösen Ort als Durchgangsstation empfinden, ist er für eine wachsende Community der Platz der Wahrheit. Hier erfahren Läufer, die die App „ParkRunning“ auf ihrem Handy installiert haben, ob die Formkurve ansteigt oder abfällt, ob sie sich im Vergleich zum letzten Mal verbessert oder verschlechtert haben.

Dieses Tool ist eine Berliner Entwicklung, die sich auf das Wesentliche beschränkt. Die App offenbart schlichtweg, wie lange ein Läufer braucht, um eine exakt vermessene Strecke von 2,5 Kilometern Länge zweimal zu bewältigen. Kleine Schilder, auf denen zwei rote Pfeile den Weg weisen, lotsen die Sportler durch die Wege dieses Teils des Tiergartens – parallel zur Straße des 17. Juni über die große Querallee und dann zurück in Richtung Großer Stern.

„Einen Marathon oder eine andere Veranstaltung zu laufen, ist nicht jedermanns Sache. Wir wollten eine Möglichkeit schaffen, dass man sich ohne großen Aufwand und über eine vernünftige Distanz einem Wettbewerb stellen kann“, sagt Gerhard Janetzky, 70, der Kopf hinter dieser App, die dank Sponsoren kostenlos ist. Schon während seiner Zeit als Präsident des Berliner Leichtathletikverbandes war es ihm ein besonderes Anliegen, neue Formate für Berliner Läufer zu entwickeln. Die App passt zu seinen Ambitionen, die Hauptstädter in Bewegung zu versetzen. Die Verantwortung trägt der Verein Unser Lauf e.V.

12.000 Läufer haben sich bislang registriert, seitdem die App vor zwei Jahren an den Start gegangen ist. Den Anfang machte eine Strecke im Steinbergpark in Reinickendorf. Ein Kleinod, das aufgrund seiner dezentralen Lage allerdings nur eine begrenze Zahl von Läufern anzieht. Allerdings zeigte sich schon hier, dass dieses Modell technisch funktioniert. 2019 wurden dann die Sensoren im Tiergarten installiert, die via Bluetooth Daten auf das Handy senden. In der kommenden Woche oder zumindest in wenigen Tagen soll als weiterer Entwicklungsschritt die Strecke auf dem Tempelhofer Feld freigegeben werden, nahe des Eingangs am Tempelhofer Damm. 

Und weitere Laufspots sind bereits in Planung: Mit avisierten Projekten im Treptower Park, in der Wuhlheide sowie im Volkspark Friedrichshain sollen sich auch Läufer in den Ostbezirken dieser Stadt dem Wettbewerb mit sich oder anderen stellen können. „Gerade zu Corona-Zeiten hat sich dieses Konzept bewährt“, sagt Janetzky stolz. „Trotz der Kontaktbeschränkungen konnte man sich jederzeit mit anderen messen oder seinen eigenen Fortschritt überprüfen.“ Und es muss keine Strecke dafür abgesperrt werden.

Der Wettbewerbsgedanke ist wahrlich nur eine Facette des Laufsports. Natur erleben, Stress bewältigen, Gewicht reduzieren oder die eigene Ausdauer verbessern sind ebenfalls verantwortlich für den Laufboom, der die Hauptstadt ergriffen hat. Und der Anteil derer, die dabei auf die Unterstützung von Apps, Laufuhren und anderen elektronischen Hilfsmitteln setzen, wächst. Ein Trend, den Ingo Froböse kritisch hinterfragt. Der Professor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln zählt zu Deutschlands renommiertesten Laufwissenschaftlern. Er sagt: „Es birgt große Gefahren, dass immer mehr Menschen Kompetenzen an Tools abgeben, die Aufgaben für sie übernehmen.“

Anders als Spitzensportler, die darauf spezialisiert sind, sich zu den Höhepunkten einer Saison in Bestform zu trainieren, wobei elektronische Messgeräte unersetzlich sind, müssten viele Läufer zunächst mal ihren Körper richtig kennenlernen. Nach Froböses Erfahrung ist es in den vergangenen Jahren bei vielen Laufanfängern außer Mode gekommen, sich langsam dem richtigen Rhythmus zu nähern, indem sie wahrnehmen, welche Signale der Körper aussendet. „Stattdessen versteckt man sich hinter irgendwelchen Werten, die einem die App ausspuckt.“

Der Mensch ist darauf ausgerichtet, um Lob und Anerkennung zu kämpfen. Und gerade für Anfänger ist diese Form des Feedbacks oft entscheidend, um den einen oder anderen Rückschritt wegzustecken, den so ziemlich jeder schon erlebt hat, der sich nach einer Zeit der sportlichen Zurückhaltung in Bewegung gesetzt hat. „Es birgt aber auch erhebliches Suchtpotenzial, wenn ich immer wieder vermittelt bekomme: Wow, was bin ich toll“, sagt Froböse. „Denn nicht das Handy sollte mir sagen, was mir guttut, sondern der eigene Körper.“

Für Gerhard Janetzky steht ebenfalls der gesundheitliche Aspekt im Vordergrund. Die „ParkRunning“-App soll anstacheln und anspornen, aber natürlich geht es vor allem darum, sich in der passenden Umgebung beim Sporttreiben wohlzufühlen. Das war auch die Idee, als er während seiner Amtszeit als Berliner Leichtathletik-Präsident dafür sorgte, dass sich die Zahl der Straßen- und Volksläufe Stück für Stück erhöhte. Er kaufte die 25 Kilometer von Berlin. Und er entwickelte Veranstaltungen wie das „Asics Grand 10“ mit Start und Ziel am Schloss Charlottenburg, den Tierpark-Lauf in Friedrichsfelde, der Airport-Lauf in Schönefeld oder zu Zeiten der Internationalen Gartenausstellung den IGA-Lauf mit. Als ganz reale Erlebnisse mit hohem Unterhaltungsfaktor. Ergebnisse, die ein Tool ausspuckt, sind bei solchen Formaten zweitrangig.

Auch die „ParkRunning“-App zielt darauf ab, die Lust am Laufen zu erhöhen. Zwar können es die meisten Sportler nach ihren Runden kaum erwarten, ihre Zeit zu kontrollieren. Jegliche Ablenkung in Form von vermeintlich vielsagenden Körperwerten fehlt bei dieser Anwendung. Eine Ausnahme, denn von solchen Produkten ist der Markt regelrecht überschwemmt und weist in den vergangenen Jahren explosionsartige Wachstumsschübe auf. Wenngleich hierzu nicht nur Produkte gehören, die beim Sport zum Einsatz kommen, sondern auch Smartwatches, die die klassische Uhr mehr und mehr ersetzen.

Bezogen auf die Lauf-Apps und sportbezogene elektronische Hilfsmittel warnt Sportwissenschaftler Froböse ohnehin davor, den Daten allzu viel Bedeutung beizumessen. „Gemessen wird ja vor allem, wozu die Technik in der Lage ist“, gibt er zu bedenken. „Viele Anbieter lassen die Sportler im Unklaren darüber, wie eine Trainingsempfehlung entstanden ist.“ Neben üblichen Parametern wie Herzfrequenz oder Blutdruck fände es Froböse wünschenswert, dass man zum Beispiel über die Körpertemperatur informiert wird, um Überhitzung zu vermeiden. Oder dass das Gerät vor Dehydration warnt. Stiftung Warentest hat in einer kürzlich durchgeführten Untersuchung moniert, dass viele Geräte regelrechte „Fantasiewerte“ ausgeben. In einem Extremfall maß ein Fitnessarmband bei einer joggenden Testerin einen Maximalpuls von 104 – statt des tatsächlichen Werts von 181.

Vor diesem Vorwurf ist die „ParkRunning“-App gefeit. Die Zeiten, die das Handy ausspuckt, sind real. Was allerdings nicht immer dafür sorgt, dass die Läufer nach ihren Runden glücklich wirken. Wenn die fünf Kilometer länger gedauert haben, als man unterwegs den Eindruck hatte, gibt es noch nicht einmal virtuelle Schulterklopfer, die einen dafür rühmen, den Puls in die Höhe gejagt zu haben.