Berlin - Der Rahmen eines Ortseingangsschildes, das darin befindliche Hinweisschild und ein Aufsteller geben den Läufern die Bestätigung. Hier, an der alten Fischerhütte am Schlachtensee, sind Sie richtig, wenn sie am Nikolauslauf teilnehmen möchten. Da in Zeiten von Corona und dem Verbot von großen Menschenansammlungen auch auf einen großen Start-Ziel-Bereich und ein buntes Rahmenprogramm verzichtet werden muss, fällt eben alles ein wenig kleiner aus, wenn man eine Laufveranstaltung auch in diesem Jahr nicht ausfallen lassen möchte. Wären die Gegebenheiten nicht so, wie sie die Läufer im Südwesten Berlins vorfinden, hätte wohl auch dieser Wettkampf in diesem Jahr pausiert.

Vorteil gegenüber Großveranstaltungen

Organisationschef Volkmar Scholz und seine Mitstreiter aber haben gegenüber den anderen großen Veranstaltungen einen Vorteil: „Wir müssen nicht 40.000 Menschen wie beim Berlin-Marathon unterbringen, wir müssen keine Strecke absperren und haben kein großes Programm drumherum.“ Zumal bei diesem Lauf um den Schlachtensee die Strecke schon vorhanden ist und man keine Möglichkeit für Abkürzungen hat. „Es sei denn, man möchte schwimmen, aber dann ist man auch nicht schneller“, sagt Scholz mit einem Lachen. Bei all diesen Vorteilen braucht es dennoch eine ganz besondere Zutat, um den Nikolauslauf auch tatsächlich durchführen zu können: eine App. An sich klingt das erst einmal nicht besonders, Lauf-Apps gibt es schließlich jede Menge. Die beim Nikolauslauf verwendete App aber ermöglicht es den Veranstaltern, den Wettkampf völlig autonom und ohne Streckenpersonal oder sonstige Helfer durchführen zu können. Und noch etwas unterscheidet sich von normalen Wettkämpfen: Es wird nicht an einem bestimmten Tag, sondern in einem Zeitraum gelaufen.

Im Fall des Nikolauslauf um den Schlachtensee vom 5. bis einschließlich 24. Dezember, vom Tag vor Nikolaus bis Heiligabend. „Die Idee ist, dass man nicht zusammen mit 1000 Menschen läuft, sondern am liebsten 1000 Menschen zu einer Zeit, wann sie wollen“, sagt Scholz, „man ist also distanziert und nicht aufeinander angewiesen. Man braucht keinen Abstand zu einem anderen Läufer zu halten, sondern zu denen, die sich da sonst bewegen. Und das haben wir jetzt für drei Wochen eingerichtet. So, dass man sich aussuchen kann, wann man laufen möchte.“

Die erste Woche ist bereits rum und das, was der Organisationschef bislang gesehen hat, bestätigen ihn und sein Team. War das Interesse am ersten Tag mit 18 Läufern noch etwas geringer, nutzten am Nikolaustag schon deutlich mehr Läufer das Angebot. Und damit auch die technische Möglichkeit, die ihnen von den Veranstaltern gegeben wird. Das Projekt, am Schlachtensee eine fest installierbare Station zu bekommen, wo man seinen Lauf jeden Tag messen kann, existierte bis vor wenigen Monaten nur den Köpfen. „Corona hat die ganze Sache forciert, denn wir steckten erst in der Entwicklung und waren noch nicht so weit“, erzählt Scholz. Als aber die Läufe im Sommer abgesagt wurden und absehbar war, dass sich die Situation im Winter nicht großartig verbessern wird, „wussten wir, dass wir in die Puschen kommen müssen“.

Corona hat den Fortschritt forciert

Der Fleiß hat sich gelohnt. An einem Punkt, gegenüber der alten Fischerhütte, haben Scholz und seine Mitstreiter zwei Sender angebracht, welche die Zeit messen, die man auch auf der Uhr des eigenen Mobiltelefons stoppt. Und über die App gelangt diese dann sofort in der Ergebnisliste. Jeder, der am Wettkampf teilnehmen möchte, lädt sich diese App herunter, meldet sich an und kann loslegen. „Das ist alles selbsterklärend. Am längsten dauert die Einrichtung des Kontos“, so Scholz. Die Software ist komplett für diesen Lauf entwickelt worden. Und eigentlich nur ein Vorläufer für die endgültige Version, die dann dauerhaft verfügbar sein soll. Erst einmal aber ist die App nur bis Heiligabend benutzbar, ab dem 25. Dezember funktioniert sie nicht mehr und greift auf keine Daten mehr zurück.

Zittrige Hände und vergessene Trinkflaschen

In den ersten Tagen hat der Wettkampf bislang sehr gut funktioniert. Gut, manchmal haben die Leute ihre Aufregung nicht ganz unter Kontrolle gehabt und deshalb manche Anweisungen nicht gelesen. Das sorgte dann dafür, dass es Probleme mit der Handhabung gab, für zittrige Hände, Jacken, die vor Aufregung auf den Boden fielen, vergessene Trinkflaschen beim Loslaufen oder eben dem falschen Drücken der Stoppuhr. „Aber der Vorteil ist halt: Wenn es mal nicht klappt oder man zu früh gedrückt hat, drückt man auf Stopp und startet noch einmal neu. Man hat richtig gemerkt, wie die Leute den virtuellen Wettkampf angenommen haben und sich mit der Idee anfreunden können. Man muss es auch nicht mit einem Versuch schaffen, sondern kann wiederholen“, sagt Scholz.

Die Laufpartner
Im Nikolauskostüm zu laufen, ist natürlich auch in diesem Jahr erlaubt.

Das gilt im Übrigen nicht nur für den einzelnen Lauf, sondern für den kompletten Wettkampf. Im Prinzip kann jeder Teilnehmer, der sich angemeldet hat, so oft laufen wie er möchte und dabei seine Zeit immer wieder verbessern. „Es ist so ein wenig wie in der Formel 1, wo man sich im Training verbessern kann. Wir können in den drei Wochen auch den Effekt haben, dass sich jemand durch sein regelmäßiges Laufen auch läuferisch verbessert“, so Scholz, „unser Hintergedanke ist der Wettstreit. Ich kann mir jetzt in den drei Wochen aussuchen, wann es mir passt. Solche Möglichkeiten motivieren die Leute, auch noch mal am Abend nach der Arbeit eine Runde zu laufen und zu schauen, wo sie in der Liste stehen.“

Für Volkmar Scholz sieht in diesem Format auch nach der überstandenen Corona-Pandemie eine Zukunft. „Ich glaube, dass es die Leute motivieren kann, mit anderen zu messen, ohne dass sie zu einem Wettkampf fahren müssen. Es gibt ja auch Leute, die große Wettkämpfe gar nicht mögen, weil sie den Wettkampfstress nicht vertragen“, sagt er, „es ist natürlich kein Ersatz für das Gefühl an der Startlinie mit anderen Läufern zu stehen. Es ist ein extra Anreiz, kein Ersatz für normale Läufe.“

Das wurde in der ersten Woche offensichtlich auch von den Laufinteressierten so gesehen. Scholz hat schon zwei Leute erlebt, die nachts mit Stirnlampe gelaufen sind und selbst das Gefühl einer inneren Anspannung erlebt, als die Zeit gelaufen ist. „Es kommt tatsächlich der Wettkampfcharakter hoch“, sagt der Organisationschef, „das hat tatsächlich etwas ausgelöst.“ Vorerst bis zum 24. Dezember können sich andere Läufer dieses Gefühl ebenfalls holen. Auf 400 Teilnehmer hofft Scholz bis dahin. Und darauf, dass das Format bald schon ganzjährig angeboten werden kann.