Hoffen auf mehr Laufevents in diesem Jahr: die Marathon-Zwillinge Deborah (vorne) und Rabea Schönborn.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinLaufen in Berlin hat viele Facetten. Das Training von Rabea Schöneborn sieht an diesem Spätnachmittag noch die eines letzten 1000-Meter-Steigerungslaufs auf der roten Bahn im Stadion vor, das mitten im Weddinger Volkspark Rehberge zwischen hohen Bäumen liegt. Ihre Zwillingsschwester Deborah feuert sie an, klatscht in die Hände: „Hopp, durchhalten, Arme locker.“

Die jüngeren Geschwister der Fünfkampf-Olympiasiegerin Lena Schöneborn haben sich aus der großen Palette an Disziplinen, die sie, von Tennis über Turnen bis zum Modernen Fünfkampf, ausprobiert haben, das Laufen ausgesucht. Laufen als Leistungssport. Auch das bietet Facetten. So sind die Schöneborns bei Mittel-, Lang-, Cross-, Straßen- und Marathonläufen am Start. Ihre Stärke ist die Ausdauer, Tendenz: Richtung Straße.

Corona hat viele Berliner zum Laufen gebracht, auf die Wege, die Straßen, in die Parks der Stadt. Schöneborns Trainer Detlef Müller, den auf dem Sportplatz alle Jive nennen, ist aufgefallen, dass es im Volkspark Rehberge „voller war mit Joggern. Einige haben ihre Zeit auf der Stadionrunde gestoppt.“ Die Schöneborns hat Corona allerdings aus dem Rhythmus gebracht, „eigentlich würden wir jetzt mitten in der Bahnsaison stehen“, sagt Müller. Stattdessen befindet sich seine gesamte Laufgruppe der LG Nord im Wartemodus: kaum Wettkämpfe, vor allem Stillstand auf der Bahn und auf der Straße. Die gute Form, die sich die Läufer im frühen Frühjahr erarbeitet hatten, konnten sie in den folgenden Wochen nicht unter Beweis stellen.

Zu den spannenderen Erlebnissen der vergangenen Wochen gehörte bei den Schöneborn-Zwillingen daher ein Paket mit neonrosa Inhalt und drei schwarzen Streifen. Rabea zieht ihre neuen Laufschuhe aus dem Sportrucksack. „Die haben wir ganz frisch.“ Die Schwestern strahlen. Ihr Ausrüster Adidas hat eine schnelle Antwort auf den Marathon-Weltrekord-Schuh des Kenianers Eliud Kipchoge von Nike produziert. Sie kam am 1. Juli auf den Markt.

Kipchoge brauchte vorigen Herbst in Wien als erster Mensch für die 42,195 Kilometer weniger als zwei Stunden. Es war ein Marathon-Experiment mit Windschatten, wechselnden Pacemakern und einem Führungsfahrzeug, das das Tempo per Laser auf den Boden projizierte. Der Schuh verbessere die Laufleistung im Marathon um vier Prozent, hieß es danach.

Als das neugierig erwartete Paket in ihrer Weddinger Wohnung ankommen sollte, waren die Schöneborn-Schwestern gerade beim Wandern in Österreich. Sie gaben einem Kumpel den Wohnungsschlüssel, weil sie wussten: „Der Postbote stellt die Pakete bei uns in den Flur. Aber dort bleiben sie sicher nicht übers Wochenende.“ Der Kumpel bugsierte das Paket rechtzeitig in die WG der Zwillinge. „Ich habe alles genau über die Trackingnummer verfolgt“, sagt Rabea. Kontrolle ist der Psychologie-Studentin so wichtig wie ihrer Schwester, die, ebenfalls an der Humboldt-Universität, Medizin studiert.

Die Kontrolle zu behalten, wurde auch für den Leichtathletik-Weltverband (IAAF) schnell essenziell, als der neue Kipchoge-Schuh in die Diskussion kam, Athleten bei Wettkämpfen zunächst Prototypen der Hersteller tragen durften und von Schuh-Doping die Rede war, von Leistungsunterschieden aufgrund des Materials. Als ähnlich wettbewerbsverzerrend wurden vor ein paar Jahren im Schwimmen die neuen Ganzkörper-Anzüge gesehen, die schließlich vom Weltverband genau reglementiert wurden. Die IAAF erstellte Anfang des Jahres ein 50 Seiten langes Kompendium über die Anforderungen an Wettkampf-Laufschuhe. Zwei der unzähligen Vorgaben lauten: Jeder neue Wettkampf-Schuh muss ab dem 30. April 2020 vier Wochen für jeden Athleten im Handel erhältlich gewesen sein. Und: Die Sohle darf nicht dicker als 40 Millimeter sein.

Debbie Schöneborn sagt: „Uns haben die bisherigen Schuhe immer ganz gut gereicht. Man sollte trotzdem informiert bleiben, aber sich nicht zu doll damit beschäftigen. Mit den IAAF-Regeln wird ein gewisses Level an Fairness gewahrt.“ Ohnehin würden die Hightech-Laufschuhe mit Carbonsohle, die knapp unter 300 Euro kosten, erst dann ihre Wirkung erzielen, wenn man eine gewisse Geschwindigkeit erreicht. „Aber wenn die Stadtmarathonläufe wieder im Gang sind, wird wohl jeder Zweite diesen neuen Schuh haben. Die ganze Welt hat sich gewundert, dass ein ambitionierter Hobbyläufer, der drei, vier Stunden für den Marathon braucht, so ein Geld dafür ausgibt.“

Die Zwillinge haben ihr Training im Volkspark Rehberge jetzt beendet. Trainer Müller sagt, er führe das Training mit seiner Gruppe auf möglichst hohem Niveau durch, dass die Athleten ab dem Augenblick, in dem wieder Wettkämpfe stattfinden, auf ebendiesem weitermachen können. Debbie und Rabea Schöneborn hatten das Glück, kurz vor dem Lockdown noch beim Halbmarathon in Barcelona starten zu können. Sie liefen in ihren bisherigen Schuhen jeweils in persönlicher Bestzeit ins Ziel, nur drei Sekunden auseinander. Deborah verbesserte sich als Achte um mehr als eine Minute auf eine Zeit von 71:37 Minuten, Rabea, die mit einer Bestzeit von 74:15 ins Rennen gegangen war, wurde in 71:40 Minuten Neunte.

Nach der anfänglichen Ungewissheit sind sie froh über die Sicherheit, dass die Hürden- und Mittelstrecken-Wettbewerbe bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften am 8./9. August in Braunschweig auf dem Plan stehen. Sie kritisieren dennoch die Kommunikation des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, der die Veranstaltung zunächst ohne die langen Stecken ausschrieb. Es kam ihnen vor, als habe sich im DLV niemand um die Laufevents bemüht. Niemand wusste Bescheid. Finden die 5000 Meter nun statt? Oder nicht? Ähnlich ungewiss war die Lage im Vorfeld der Verschiebung der Olympischen Spiele.

„Wir brauchen die Wettkämpfe. Auch, um unseren Kaderstatus zu sichern“, sagt Rabea Schöneborn. Am zweiten Juli-Wochenende startete sie beim Mittsommerlauf in Regensburg die verspätete Saison. Über 10.000 Meter lief sie 33:37 Minuten, „ein solides Ergebnis nach drei Wochen Tempoarbeit, aber mit Potenzial nach oben“, kommentierte sie. Jetzt warten sie und ihre Schwester darauf, dass wieder mehr Events aufploppen, dass die Veranstalter Corona-Konzepte entwickeln.

Die Halbmarathon-WM in Polen wurde in den Oktober verschoben. Dort wollen sie laufen. Anfang Dezember steht in Spanien der erste Marathon nach dem Lockdown auf dem internationalen Wettkampfkalender. Die Schöneborns haben Startplätze für Valencia. Alle Marathonläufer möchten dort antreten, weil es die erste Möglichkeit nach dem Lockdown ist, sich im Wettkampf zu messen und für die Sommerspiele 2021 zu qualifizieren. Und bis dahin, sagen die Zwillinge, soll sogar ein noch mal für Topläufer optimiertes Laufschuh-Modell ihres Ausrüsters auf dem Markt sein.