BerlinAls Regina Vollbrecht die Tür ihres Hauses in Berlin-Heiligensee öffnet, trägt sie bereits ihre Laufkleidung: dunkle Schuhe, eine schwarze Hose und ein gelbes Oberteil mit je drei großen schwarzen Punkten auf Brust und Rücken - das Blindenzeichen. Fast immer laufe sie mit diesem T-Shirt, wird Vollbrecht später sagen und erklären: „So bin ich auch in größeren Gruppen gut zu erkennen.“ Besonders bei engen Marathon-Starts habe sich das Shirt früher bewährt.

Aber nicht nur dabei. In ihrer Laufkarriere ist Regina Vollbrecht viele verschiedene Rennen und Distanzen gelaufen. 1500 Meter, Marathons, einen 100-Kilometer-Lauf und mehrere Ironmans – meistens unter Sehenden und immer schnell. So schnell, dass die heute 43-Jährige gleich mehrere Weltrekorde aufgestellt hat. Auf dem Weg zu dieser beeindruckenden Lauf-Vita hat sie all die Herausforderungen gemeistert, denen sich blinde Läufer zusätzlich stellen müssen. Von den Fahrten zum Training, über die Suche nach geeigneten Laufpartnern, bis hin zu einem zwangsläufig ineffizienteren Laufstil.

Schule war der Ausgangspunkt für Vollbrechts Karriere

1976 kam sie im Mecklenburgischen Mönchhagen auf die Welt. Blind war sie seit ihrer deutlich verfrühten Geburt an. Und weil man in der DDR auf das Konzept Sonderschule vertraute, besuchte Vollbrecht anschließend eine ebensolche für blinde und sehbehinderte Kinder. Was wenig integrativ klingt, war der Ausgangspunkt von Vollbrechts Laufkarriere: „Es gab in der Schule eine Leichtathletik-AG, die ich besucht habe. Irgendwann hat das Laufen eine besondere Faszination bekommen.“

Auf dem Sofa im Wohnzimmer ihres Hauses sitzend, ist Vollbrecht diese Faszination noch immer anzumerken. Begeistert erzählt sie, wie sie gemerkt habe: „Mensch, es geht ja immer noch schneller.“ Sie war entschlossen, herausfinden zu wollen, wie schnell dieses „schneller“ denn tatsächlich sein könne. Fünf- bis sechsmal pro Woche trainierte Vollbrecht hierfür zusätzlich zu Studium und Job. Was schon für sehende Menschen ein enormes Pensum ist, war für sie umso herausfordernder. Vor allem organisatorisch. „Viel Training hat immer auch viele Wege bedeutet“, sagt sie.

Während sehende Läufer allein oder im Laufverein an immer gleichen Orten trainieren und die Anreise flexibel gestaltbar und höchstens mal lästig ist, verhält es sich bei blinden Menschen anders. In der Regel bleibt ihnen nur die für sie anstrengende Anfahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Hinzu kommt, dass zunächst ein Laufpartner gefunden werden muss, ehe an Training überhaupt zu denken ist.

Und das ist gar nicht so einfach. Auch Regina Vollbrecht hatte stets zu wenig Laufpartner in der Rotation. Dass ihr Status als eine der schnellsten blinden Läuferinnen der Welt diese Problematik eher verstärkt als behoben hat, klingt paradox, ist aber nur logisch. „Wenn mich jemand über einen kompletten Marathon begleiten wollte, musste er mindestens 20 Minuten schneller sein als ich“, sagt sie. Schließlich muss der Laufpartner nicht nur das Tempo mitziehen können, sondern auch am Ende eines Rennens noch zusätzliche Energie und Konzentration haben, um zuverlässig den Weg weisen zu können. Regina Vollbrechts Partner mussten einen Marathon in rund drei Stunden laufen können.

Besonders wichtig ist vor allem, dass sich Läufer und Begleiter miteinander sicher fühlen. Der Dienst des Laufpartners ist essenziell für den Läufer. Er kommuniziert den Streckenverlauf, sagt Hindernisse wie Unebenheiten und Bordsteinkanten an und bittet andere Läufer um mehr Platz und freie Bahn, falls nötig. Geführt wird dabei durch verschiedene Kommandos und mit Hilfe einer Schnur, in Vollbrechts Fall einem Schnürsenkel. Dieser hat eine Schlaufe an den Enden, durch welche Läufer und Partner greifen. „Wichtig ist, dass das Band immer leicht gestrafft ist, damit man den jeweils anderen merkt“, sagt Vollbrecht.

Bedarf es einmal stärkerer Führung, umgreift ihr Laufpartner ihr Handgelenk, „weil Kurve ja nicht gleich Kurve ist, man Unebenheiten nur bedingt ansagen kann und ab und an ja auch mal ein Bordstein kommt“.  Egal, wie gut die Kommunikation ist, die Gefahr, den Fuß minimal zu früh oder zu spät zu heben bleibt. „So habe ich einen besseren Halt, wenn ich stolpern sollte“ sagt Vollbrecht.

Darüber hinaus unterscheidet sich Vollbrecht beim Laufen im Vergleich zu sehenden Läufern vor allem dadurch, dass sie ihre Füße instinktiv deutlich weiter anhebt. „Selbst gut asphaltierte Wege haben immer irgendwo Risse und Gullideckel. Der Sehende kann die einfach ausgleichen, ich nicht“, sagt sie. Die Folge ist ein deutlich ineffizienterer Laufstil, der auch zeitlich deutlich messbar ist. Die ohnehin schon beeindruckenden Zeiten, die Vollbrecht auf dem Höhepunkt ihrer Laufkarriere gelaufen ist, werden so noch ein wenig beeindruckender.

Vor allem zwischen 2000 und 2010 gehörte sie zur absoluten Weltspitze der blinden Langstreckenläuferinnen. Sie stellte Weltrekorde auf, nur um diese anschließend selbst zu unterbieten. In Frankfurt lief sie 2010 mit 3:15 Stunden ihre beste Zeit über die Marathondistanz. Mindestens genauso wertvoll wie die Bestzeiten und Weltrekorde ist aber, dass Vollbrecht auch abseits der Laufstrecke von ihrem sportlichen Werdegang profitiert hat. „Der Sport hat mir sehr geholfen, zu einer selbstsicheren Person zu werden“, sagt sie. Sie habe nicht nur in ihren verschiedenen Laufpartnern zahlreiche sehende Freunde gefunden, sondern durch den Sport auch gelernt, auf selbst gesteckte Ziele hinzuarbeiten.

Gerade im Bereich des leistungsorientierten Laufens sind die erfüllt, deshalb fiel es ihr nicht schwer, ihre Karriere abzuschließen. Außerdem hat sie bereits ein neues sportliches Hobby gefunden: „Ich habe vor einem Jahr angefangen, richtig reiten zu lernen“, sagt Vollbrecht. Nur zum Spaß und ganz ohne den Anspruch, auch hier Rekorde aufstellen zu müssen.