BerlinKurz hinter der Kurve schnappt die Falle zu. Die Schnauf-Falle, Aerosol-Falle, Corona-Falle. Gefühlt jedenfalls ist sie das, diese morgendliche Begegnung in einem Berliner Park. Gefühlt und gehört, weil sie sich pumpend und pustend nähert: ein vorwärts stampfender Gulliver in Neongelb, der all die joggenden Liliputaner um sich herum aus dem Weg zu atmen scheint. Links der Gegenverkehr, rechts ein Zaun und kein Entrinnen. Also Mund, Nase, Augen zu – und durch.

Covid-19 hat die Welt verändert, Sars-Cov-2, Corona, ein hochansteckendes Virus. Auch die Welt des Sports hat es erfasst, deutlich sichtbar bei den Profis. Fußballspiele finden vor leeren Rängen statt, Klubs führen Hygienekonzepte ein, ganze Ligen verordnen sich Programme gegen die Pandemie. Trotzdem schleicht sich Corona ein, setzt Spieler außer Gefecht, zwingt Mannschaften in Quarantäne, ungeachtet engmaschiger Tests und größter Vorsicht. Kein Wunder also, dass sich unter Hobbyathleten Zweifel regen. Mancher Jogger sorgt sich, dass er morgens auf schmalem Pfad im Park in die Falle tappen könnte.

Aufregung um einen Schweif aus Aerosolen

Kann er? „Das Risiko ist gering, sich anzustecken, wenn man an der frischen Luft läuft und sich an den Mindestabstand von 1,5 Metern hält“, sagt Professor Bernd Wolfarth. Er steht der Abteilung Sportmedizin an der Charité vor und ist leitender Arzt beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Der Mediziner befasst sich momentan sehr intensiv mit dem neuartigen Erreger und dessen Auswirkungen auf den Leistungssport. Er hat Hygienekonzepte entwickelt und begleitet sie mit seinem Team: Konzepte für Olympia-Athleten, für die Fußballer des 1. FC Union, die Handballer der Füchse, die Eishockeycracks der Eisbären.

Vor neun Monaten trat Covid-19 hierzulande erstmals in Erscheinung, bei der Erforschung des Virus steht die Wissenschaft noch am Anfang. Auch die Sportwissenschaft. Viele Fragen sind ungeklärt, groß der Bedarf an Antworten, groß auch die Aufregung, wenn Forscher Erkenntnisse zur Diskussion stellen. Forscher wie Bert Blocken, Professor für Gebäudephysik und Aerodynamik an den Universitäten in Leuven/Belgien und Eindhoven/Niederlande. Er untersuchte im Frühjahr Luftströme beim Gehen und Laufen, wobei sich zwei Probanden abwechselnd nebeneinander, diagonal versetzt und direkt hintereinander bewegten. Ein übliches Verfahren in der Leistungsdiagnostik, um herauszufinden, wie Athleten am besten den Windschatten ihrer Vorderleute ausnutzen können.

Die Bilder, die von Blockens Versuchen kursierten, zeigten lange Nebelschweife. Läufer stießen sie aus, die Tröpfchenwolken landeten auf Kopf und Oberkörper der Verfolger. Die Konzentration nahm erst nach fünf Metern beim Gehen und nach zehn Metern beim Joggen deutlich ab.

„Es ging bei dieser Versuchsanordnung lediglich um die theoretische Verteilung der Aerosole“, sagt Professor Wolfarth. „Es ging nicht um die Virus-Last, die sie transportieren, nicht um andere Fragen, die für die Erforschung von möglichen Übertragungswegen relevant sind.“ Sein Fazit: „Laufen – alleine und im Freien – halte ich momentan für eine der sichersten Arten, Sport zu treiben.“

Wolfarth rät sogar ausdrücklich zu gemäßigter Bewegung an frischer Luft. Denn die unterstützt das menschliche Immunsystem. „Die Datenlage ist in diesem Punkt eindeutig, nicht erst seit Sars-CoV-2, sondern bereits seit 20 Jahren“, sagt der Mediziner. „Ausdauersport wirkt sich auf alle Bereiche des Immunsystems positiv aus. Der Körper eines aktiven Menschen kann zum Beispiel schneller wichtige Immunzellen produzieren als der Körper eines Untrainierten.“

Entscheidend ist allerdings die Dosis, wie im Leben allgemein, so auch im Sport und bei der Bewegung zum Schutz vor Infekten. Wer sich überanstrengt, schwächt seine Abwehr. „Wenn die Intensität zu hoch ist, kann es zu einer erhöhten Anfälligkeit für Infekte kommen.“

Die Grundausdauer ist entscheidend, die Fitness bestimmt das Trainingspensum. Bei Profis, die täglich trainieren und leichter regenerieren, ist sie höher als bei Hobbyathleten. Beim Herz-Kreislauf-System wurde dieser Zusammenhang wissenschaftlich eindeutig belegt. „Ein gut vorbereiteter Marathonläufer hat keine Schädigung des Herzens zu befürchten“, sagt Wolfarth. „Ein schlecht vorbereiteter Marathonläufer kann dagegen auch eine Herzschädigung durch Überbelastung riskieren.“ Ähnlich wie der Kreislauf reagiert das Immunsystem.

Nicht jeder Jogger entwickelt ein Gefühl für seine Grenzen, spürt, wann es Zeit ist, seinem Körper eine Pause zu gönnen. „Wer unsicher ist, kann eine sportmedizinische Beratung in Anspruch nehmen“, sagt Wolfarth. Manche Krankenkassen beteiligen sich sogar an den Kosten einer solchen Untersuchung.

Laufen ist gesund, nicht laufen sollte dabei jedoch die Nase. „Vor der Pandemie galt, dass man bei einem lokal begrenzten Infekt wie einem leichten Schnupfen noch joggen gehen kann“, sagt Wolfarth. „Momentan sind wir ein wenig vorsichtiger, weil wir bisher zu wenig über Sars-CoV-2 wissen.“

Noch ist nicht abzusehen, welche langfristigen Gefahren von dem Virus ausgehen. Es kann darüber nur spekuliert werden. Wie im Fall des nigerianischen Basketballprofis Michael Ojo. Im August brach der 2,16 Meter große Center während des Trainings bei seinem ehemaligen Verein Roter Stern Belgrad zusammen. Versuche, ihn wiederzubeleben, blieben erfolglos. Ojo starb im Alter von 27 Jahren an Herzversagen. Wie später bekannt wurde, hatte er sich zuvor mit Corona infiziert und eine Lungenentzündung durchgemacht. Gab es einen direkten Zusammenhang zwischen der Infektion und dem plötzlichen Herztod?

„Zu solchen Fragestellungen laufen gerade die ersten Untersuchungen“, sagt Wolfarth. „Mehrere Untersuchungszentren in Deutschland haben sich dafür zusammengeschlossen.“ Darunter die Charité. Corona-Fälle im Leistungssport werden erfasst, analysiert und über einen Zeitraum von zunächst drei Jahren weiterverfolgt. „Von diesen wissenschaftlichen Projekten erhoffen wir uns Antworten auf wichtige Fragen.“

Zum Beispiel: Welche Risiken begünstigen schwere Verläufe bei einer Infektion mit Covid-19? Welche Faktoren können zu Folgeerkrankungen bei Sporttreibenden führen? Gibt es eventuell auch bei jungen, eigentlich gut trainierten Menschen eine Risikoklientel, die besonders geschützt werden muss?

Die Antworten auf diese und weitere Fragen werden auf sich warten lassen. Eines darf jedoch schon jetzt als gesichert gelten: „Regelmäßige körperliche Aktivität ist auch in Zeiten der Pandemie ein wichtiger Eckpfeiler eines gesunden Lebensstils“, sagt Wolfarth. Außerdem: So leicht schnappt sie beim Dauerlauf im Park nicht zu, die Schnauf-Aerosol-Corona-Falle.