Schauspieler Tobias Langhoff im Mauerpark.
Foto: Markus Wächter

Berlin-Prenzlauer BergDer Treffpunkt Leisepark in Prenzlauer Berg macht seinem Namen alle Ehre. Tobias Langhoff, 57, ist Schauspieler, aber in diesem Gespräch, morgens um 9 Uhr auf einer Parkbank, geht es um seine zweite Leidenschaft: das Laufen. Es geht um die Chancen und Risiken, die in dem Ausdauersport stecken.

Berliner Zeitung: Eine Grundsatzfrage am Morgen, Herr Langhoff: Warum laufen Sie?

Tobias Langhoff: Das habe ich mich heute früh erst wieder gefragt. Je länger ich laufe, desto absurder erscheint mir die Frage. Ich würde fragen: Warum laufe ich nicht? Laufen gehört zu meinem Leben. Das ist wie Hygiene, wie Zähneputzen.

Wann haben Sie mit dem Laufen angefangen?

Ich bin ja Schauspieler. Und Schauspieler ist ein sehr gefährdeter Beruf.

Gefährdet?

Wegen der Drogen. Damals war es so, dass nach den Vorstellungen in der Kantine gesessen wurde: noch ein Bier, noch ein Wein. Erst ist es ja immer nur ein Glas, dann werden es zwei. Irgendwann fand ich das sehr uninspirierend.

Und dann fingen Sie an, zu laufen?

Ja, das war in Wien, ich war am Burgtheater. Ich bin nachts gelaufen: vom Theater zurück erst mal nur. Das war cool, in der Nacht durch die Stadt.

Einfach losgelaufen?

Ich war vorgeprägt. Ich habe in der DDR Leistungssport gemacht, Judo, war auf der Sportschule, habe aber aufgehört, hatte dann wie viele ehemalige Leistungssportler eine Phase, in der ich ganz schön auf die Pauke gehauen habe. Dann musste ich für eine Rolle 20 Kilo abnehmen. Ich spielte in einer Anna-Seghers-Verfilmung, „Aufstand der Fischer von Santa Barbara“. Das war ein Defa-Film, ich spielte einen ausgemergelten Fischerjungen. Das Laufen hat mir geholfen, schnell Gewicht zu verlieren.

Prägt Leistungssport in der Kindheit einen Menschen?

Ich bin davon überzeugt. Ich habe mein Laufpensum jedenfalls immer weiter gesteigert und schließlich darüber nachgedacht, einen Wettkampf zu bestreiten. Volkslauf, hieß das damals noch.

In der DDR?

In den 80er-Jahren, ’87 oder ’88. Mein erster Volkslauf war im Friedrichshain, werde ich nie vergessen: zehn Kilometer. Da bin ich gleich 37 Minuten gelaufen. Und dann kam der Ehrgeiz, es wurde immer mehr. Aber das hat ja auch etwas Tolles.

Inwiefern?

Irgendwann bekommt das Laufen eine völlig andere Bedeutung. Es wird Teil des Lebens, führt zu einem anderen Bewusstsein: Orte, Jahreszeiten, Uhrzeiten werden anders wahrgenommen. Wenn ich irgendwo drehe, in Kapstadt, London, Buenos Aires, laufe ich erst mal los.

Ist das dann schon Sucht?

Schwierig wird es erst, wenn einen der Ehrgeiz zu weit treibt. Mich hat der Ehrgeiz irgendwann so weit getrieben, dass ich einen Marathon laufen wollte, das wurde dann eine etwas irre Geschichte.

Erzählen Sie mal.

Ich bin in Berlin gelaufen, 1990. Ich wollte gleich unter drei Stunden laufen.

Hat es geklappt?

Ich bin 3:00,12 Stunden gelaufen. Ich war auf der Zielgeraden auf dem Kudamm, die war endlos lang. Ich sah die Uhr weit hinten, ich wusste, ich schaffe es nicht. 13 Sekunden zu langsam, ich war deprimiert. Klingt bescheuert. 3:00,12 Stunden sind ja sensationell für einen ersten Marathon, aber ich habe so gelitten, dass ich zehn Jahre nur noch ein bisschen gelaufen bin, doch keine Wettkämpfe bestritten habe.

Und nach diesen zehn Jahren?

Bin ich den zweiten Marathon gelaufen, wieder in Berlin, und bin noch brutaler eingebrochen. Ich wollte jetzt überhaupt nicht mehr. Bis ich über Freunde mitbekam, was ich falsch gemacht habe im Training.

Was denn?

Ich musste längere Intervalle absolvieren, vier Kilometer, fünf Kilometer im Wettkampftempo, nur sehr kurze Pausen dazwischen von anderthalb Minuten. Mit dieser Vorbereitung bin ich in London 2:37 Stunden gelaufen. Das war wie eine Explosion. 2:34 war später meine Bestzeit, in Berlin.

Eine tolle Zeit.

Ich war richtig gut. Irgendwann kamen Vereine und fragten, ob ich für sie bei Meisterschaften mitlaufen wolle. Die Norm für EM und WM hatte ich geschafft. Ich habe überlegt, ob ich starte. Aber dann kam mein DDR-Problem dazwischen.

Was war das für ein Problem?

Ich konnte nicht starten, ohne in einem Verein zu sein. Mich kriegt aber niemand in einen Verein, in eine Organisation. Ich wollte daher einen Ein-Mann-Verein gründen namens P. Nurmi Berlin. Nach Paavo Nurmi, dem finnischen Laufwunder. Aber so etwas erlaubt das deutsche Vereinsrecht nicht. Trotzdem habe ich weiter Rennen gewonnen, teilweise mit großem Vorsprung. Und dann kamen Bemerkungen, die ich unanständig fand.

Welche Bemerkungen?

Du nimmst doch was. Also Dopingmittel. Ich habe aber nie etwas genommen.

Wird in den höheren Altersklassen gedopt?

Gar nicht mal so wenig, das habe ich mitbekommen. Wobei das auch eine soziale Frage ist. Wer viel Geld hat, kann sich das leisten. Bestimmte Berufsgruppen haben Zugang zu Präparaten. Und in bestimmten Kreisen ist sportliches Statusdenken ausgeprägter als in anderen.

Sind Sie nie getestet worden?

Ich wollte das, damit die alle wissen, dass ich sauber bin. Getestet wird man aber nur, wenn man in einem Verein ist. Ich habe mich sogar bei der Nada (Nationale Antidoping-Agentur, Anm. d. Red.) gemeldet: Testet mich! Keine Chance.

Hat sich die Vereinsphobie inzwischen gelegt?

Ich habe ja nichts gegen Gemeinschaft. Im Gegenteil. Ich habe bei Drehs im Ausland, in Südafrika, Namibia und anderswo interessante Menschen kennengelernt. Laufen verbindet. Dieses: Wir Läufer. Ich hatte es immer mit Berufsgruppen zu tun, mit denen ich sonst nie in Kontakt gekommen wäre. Ich habe sehr enge Freundschaften geschlossen durch das Laufen. Man kommt ins Gespräch, mit Eisenbahnern, mit Bankern, mit Krankenschwestern. Man verabredet sich zu langen Läufen am Wochenende. Mit zunehmendem Alter spricht man über Verletzungen.

Sie lachen, aber waren es nicht auch schmerzhafte Verletzungen, die ihren Ehrgeiz gebremst haben?

Zuerst war da eine Liebe, eine Frau, die immer wieder infrage gestellt hat, was ich da tue. Ich bin dadurch viel bewusster mit dem Laufen umgegangen.

Haben Sie den Impuls von außen gebraucht?

Ohne den Anstoß hätte ich es nicht gepackt. Ich war richtig verhärtet: Ich konnte keinen Tag mehr ohne Laufen sein. Das Thema war immer: Wann laufe ich heute, wann laufe ich heute?

Hatte dieses Verhalten Suchtzüge?

Was heißt Sucht-Züge? Laufen kann zu einer extremen Sucht werden. Wenn ich nicht gelaufen bin, hatte ich Entzugserscheinungen. Angefangen mit Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit bis zu Depressionen sogar.

Ging das viele Laufen auf die Knochen?

Ja, natürlich. Ich hatte Ermüdungsbrüche, sechs oder sieben, an den Füßen, am Sprunggelenk mal einen Riss, weil die Struktur zu schwach war. Ich bin ja sehr hager. Man läuft nicht mehr, um fit zu sein. Es ist ein permanenter Angriff auf den Körper. Es findet kaum Regeneration statt.

Wie sind Sie da herausgekommen?

Ich habe angefangen, auch andere Sportarten wie Schwimmen oder Radfahren zu betreiben, um von dem Leistungsbereich wegzukommen.

Wie ist ein derart hohes Pensum mit der Arbeit als Schauspieler vereinbar?

Ich bin morgens um fünf gelaufen. Nach den Vorstellungen war mir die Zeit irgendwann zu knapp, deshalb habe ich vor den Vorstellungen trainiert.

Zweimal am Tag ist ja schon professionell.

Dieser Gedanke kam mir auch. Ich habe mir immer gesagt: Das eine ist der Genusslauf, ohne Uhr, das andere der ehrgeizige, mit Programm. Das Laufen vor den Vorstellungen war immer riskant. Ich hätte mich ja verletzen können. Als ich dann weniger am Theater war und mehr gedreht habe, ließ sich das besser einbauen. Ich bin extrem früh los. Das ist für mich immer noch eine der schönsten Sachen beim Laufen.

Läuft es sich morgens anders?

Finde ich schon. Vor allem, wenn ich träume und dann loslaufe, halb im Traum. Um fünf Uhr durch Berlin zu laufen, gerade im Sommer, ist toll. Fenster sind geöffnet, man hört die Geräusche der Nacht, hört Leute, die noch wach sind, Leute, die gerade aufgestanden sind. Dann wieder die Ruhe, nur das Tap-Tap-Tap der Schuhe auf der Straße.

Und kaum Autos?

Das ist cool. Ich laufe auf den Straßen, weil die ja leer sind und man sonst nicht dazu kommt.

Das klingt wie Werbung fürs Laufen.

Laufen ist gesund für Körper, Geist und Seele. Nicht das Laufen eines Marathons. Das ist Stress. Aber was gesund ist, ist das Leben, das man durchs Laufen führt: Ernährung, Tagesrhythmus, Schlafverhalten und so weiter. Auch wenn ich nicht laufe, bin ich Läufer, im Handeln und Denken.

Ein schönes Schlusswort, oder?

Als Wort zum Schluss fällt mir noch etwas Besseres ein.

Ja?

Lebenslauf.