In ihrem Element: Laura Dekker auf einem Segelboot.
Foto: Everett Collection/Imago Images

BerlinWenn sie die Bühne betritt, wirkt Laura Dekker wie die junge Frau von nebenan. Vorsichtig, etwas schüchtern, aber freundlich und so, als würde auch sie jeden Morgen die Bahn zur Arbeit nehmen. Um sich den Zuhörern vorzustellen, benutzt die 24-Jährige zu Beginn lieber Bilder und keine Worte. Bewegte Bilder ihres bislang größten Abenteuers. Ein Abenteuer, mit dem es Laura Dekker in die Geschichtsbücher schaffte. Als sie am 21. Januar 2012 gegen 15 Uhr Ortszeit in der Simpson Bay auf der niederländischen Karibikinsel St. Maarten mit ihrem Segelschiff anlegte, hatte sie gerade die Welt umsegelt. Allein und im Alter von gerade einmal 16 Jahren. Seitdem trägt sie den Titel „jüngste Solo-Weltumseglerin“ und erzählt regelmäßig von ihrem großen Abenteuer, das am 21. August 2010 begann, aber nicht nur Zustimmung erhielt.

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 Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Teil 7: Laura Dekker.

Dabei war eigentlich schon zum Zeitpunkt ihrer Geburt klar, dass sich ihr Leben mehr auf dem Wasser als auf dem Land abspielen würde. Im neuseeländischen Whangarei wurde Laura Dekker geboren, ihre Eltern Dick Dekker und Barbara Müller befanden sich zu diesem Zeitpunkt selbst auf einer Weltreise mit einem Segelboot. Da der Vater Niederländer ist, die Mutter eine Deutsche und sie selber in Neuseeland geboren wurde, hat sie seit dem Tag ihrer Geburt drei Staatsangehörigkeiten. Doch Laura Dekker denkt nicht in Landesgrenzen, ihre Welt sind die Meere und Ozeane. Nach zwei Jahren in Neuseeland setzten die Eltern ihre Reise fort, zunächst ging es mit dem kleinen Crewmitglied nach Australien. „Meine Eltern hatten keine Eile, sie wollten so viel wie möglich von der Welt sehen“, schreibt Laura Dekker in ihrem Buch, das sie nach dem Abenteuer ihres noch jungen Lebens veröffentlicht hat. Darin erzählt sie primär über ihre eigene Reise, aber natürlich auch von ihrem Familienleben. Über die Geburt der Schwester, die Trennung der Eltern, das Zusammenleben mit ihrem Vater in einem Wohnwagen und später wieder an Bord von einem Boot. „Meine Klassenkameraden spielten auf dem Spielplatz, und ich spielte auf dem Wasser mit selbst gemachten Booten und allem, was schwimmen konnte“, beschreibt sie ihre frühe Kindheit.

Dekker spielte mit Booten statt Barbie-Puppen

Und die hat sie für das Leben geprägt. Wo andere Mädchen in ihrem Alter mit den Barbie-Puppen spielten, baute sich die kleine Laura Dekker im Alter von sieben Jahren ihr erstes Boot. Ein prägendes Erlebnis für das weitere Leben. „Ich war so stolz über diese Errungenschaft. Dieses Gefühl, dass ich ein Ziel erreicht habe, war etwas ganz Tolles – ich wollte es immer wieder haben“, hat sie zu Beginn dieses Jahres bei einer dieser Veranstaltungen erzählt, bei denen sie noch immer von ihrer Weltumsegelung erzählt und ihr Geld verdient. Es sind Auftritte bei großen Firmen, Wirtschaftsforen oder Kongressen, bei denen sie von sich und ihrer Geschichte berichtet und wo aus der anfänglich schüchternen, jungen Frau eine begeisterte Erzählerin wird, deren funkelnde Augen den ganzen Raum erhellen. Ihr Leben, das wird schnell klar, wenn man ihr zuhört oder in ihrem Buch liest, spielt sich auf dem Wasser ab.

Haben viele Menschen mit dem Alleinsein stets ein Problem, reichen Laura Dekker ein Boot und jede Menge Wasser. Schon mit zehn Jahren machte sie eine längere Solo-Segeltour mit einer Yacht, das erste eigene Segelboot bekam sie mit elf Jahren geschenkt, sollte aber die Hälfte des Geldes an ihren Vater zurückzahlen. Selbstständig besorgte sie sich neben der Schule mehrere Jobs: zwei Zeitungen austragen, ein Job als Putzfräulein, Arbeit in einem Wassersportgeschäft und Kunststücke mit einem Einrad. Nichts sei für sie zu verrückt gewesen, so lange es Geld brachte.

Um auf dem Wasser sein können, machte Laura Dekker viele Sachen. Auch Dinge, die sie nicht durfte. Dinge, wie die alleinige Segelfahrt über den Ärmelkanal im Alter von 13 Jahren von den Niederlanden nach England, von der niemand wusste und an deren Ende sie von ihrem Vater aus einer englischen Polizeiwache abgeholt werden musste. Das junge Mädchen verstand die ganze Aufregung nicht, sie wollte doch nur segeln, am liebsten um die ganze Welt. Das war ihr Lebenstraum und den wollte sie sich nicht erst im hohen Alter erfüllen. „Wenn du gern das andere Ende der Welt sehen willst, kannst du zweierlei tun: Du kannst die Welt auf den Kopf stellen oder selbst ans andere Ende fahren.“ So lautet das Vorwort in ihrem Buch. Laura Dekker entschied sich für das Losfahren und lernte es, für ihre Träume kämpfen zu müssen. Gegen den Widerstand der eigenen Mutter, die einer Weltumsegelung nicht zustimmte. Gegen die niederländische Schulbehörde, die ihrer Idee von einer Fernschule zunächst nicht billigten. Gegen die Medien, die beinahe jeden Tag bei ihr anriefen oder mit Kamerateams im Hafen mit ihr reden wollten. „Ich wollte nicht bekannt werden, ich wollte einfach nur segeln“, schreibt sie in ihrem Buch.

Am 21. August 2010 ging es los

Und doch half die mediale Aufmerksamkeit bei der Bewilligung der Reise, die ihr Vater nach einer elfmonatigen Gerichtsverhandlung vom Anwalt übermittelt bekam. Am 21. August 2010 startete Laura Dekker ihr Abenteuer und fühlte sich endlich frei. Exakt 17 Monate benötigte sie für ihre Weltumsegelung und hängte noch eine „halbe Runde“ dran, um ihren Geburtsort in Neuseeland zu erreichen. Dahin, wo alles irgendwie begann.

Ihre gesamten Erlebnisse hat Laura Dekker in einem Buch niedergeschrieben und erzählt davon bei Veranstaltungen. Und bald auch ihrem Sohn. Der ist erst elf Monate alt und wird vieles noch nicht verstehen. Dass sie ihre Erlebnisse ihm und anderen aber nicht nur erzählen, sondern erlebbar machen möchte, hat Dekker schon verkündet. Über eine Foundation sammelt sie Geld für ein 24 Meter langes Segelboot mit mehreren Kabinen für Kinder und Jugendliche. Wer ihre Geschichte gehört hat, der weiß, dass sie es ernst meint und alles dafür tut, damit auch dieses Boot eines Tages über das Meer segelt. Dort, wo sie sich am wohlsten fühlt.