Laura Siegemund (r.) und Vera Swonarewa präsentieren den Silberpokal.
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Berlin/New YorkLaura Siegemund blickte voller Vorfreude auf den 1,8 kg schweren Silberpokal der US Open, doch in den Moment ihres größten Triumphs mischte sich auch eine gehörige Portion Trauer. „Ich möchte den Titel meiner Tante widmen. Sie ist gestorben während das Turnier hier lief. Sie hat bestimmt den besten Platz zum Zuschauen gehabt“, sagte Siegemund.

Doch dann stemmte sie mit einem Strahlen im Gesicht den Pokal zusammen mit Vera Swonarewa in die Höhe - als erste Deutsche seit Claudia Kohde-Kilsch 1985 hatte Siegemund in Flushing Meadows im Doppelwettbewerb der Frauen triumphiert.

Kurz nach dem Matchball zum 6:4, 6:4 in 1:19 gegen die an Nummer drei gesetzten Nicole Melichar/Xu Yifan (USA/China) hatte sie auch endlich mit Swonarewa feiern können. „Darf ich sie bitte umarmen“, fragte Siegemund die Stuhlschiedsrichterin artig. Sie durfte.

Siegemund, die mit Swonarewa als ungesetztes Doppel ins Finale stürmte, hatte 2016 bei den US Open schon im Mixed triumphiert. Nun schaltete sie mit ihrer Partnerin beim ersten gemeinsamen Turnier unter anderem die an Nummer sieben gesetzten Wiktoria Asarenka/Sofia Kenin (Belarus/USA) und die an Position zwei geführten Titelverteidigerinnen Aryna Sabalenka/Elise Mertens (Belarus/Belgien) aus und verdiente sich den Auftritt im Arthur-Ashe-Stadion redlich.

Das deutsch-russische Duo startete hochkonzentriert ins Finale und schaffte ein frühes Break zum 2:1. Anschließend brachte die wild entschlossene Siegemund ihr erstes Aufschlagspiel sicher durch. Sie und Swonarewa, die im Doppel bereits 2006 die US Open und 2012 die Australian Open gewinnen konnte, tauschten sich permanent aus und Siegemund spielte sich phasenweise in einen Rausch. Nach 41 Minuten war der erste Satz unter Dach und Fach. Siegemund kommentierte dies mit einem durchdringenden „Ja“.

Und Siegemund/Swonarewa legten nach. Die Deutsche arbeitete unermüdlich am Netz, machte den Punkt zum 1:0 im zweiten Satz - wieder war das schnelle Break da. Als Siegemund nach einem Ballwechsel kurz später den Ball von einer ihrer Gegnerinnen ins Kreuz bekam, zuckte sie nicht einmal, so sehr war sie im Tunnel. Doch ihre Gegnerinnen kämpften ebenfalls um jeden Punkt und wollten verhindern, dass Siegemund Kohde-Kilsch nachfolgt.

Die heute 56-Jährige wünschte Siegemund aus dem fernen Saarbrücken vor dem Finale viel Glück. „Ich drücke Laura fest die Daumen, dass sie den Titel wieder nach Deutschland holen kann“, sagte Kohde-Kilsch, die einst gemeinsam mit der Tschechin Helena Sukova triumphierte.

Siegemund suchte dagegen noch einmal nach Zerstreuung. Die zwei spielfreien Tage vor dem Finale nutzte sie auch, um vor dem großen Auftritt den Kopf frei zu bekommen, neue mentale Energie aufzubauen. „Ich war echt platt, da ich jeden Tag gespielt habe“, sagte sie bei Eurosport. Die Schwäbin, die einen Bachelorabschluss in Psychologie hat, lebt in ihrem Spiel von ihrem starken Willen, der sie im Finale zum großen Triumph trug.