„Geh' nach Berlin und schau' dir an, wie es funktioniert“: Volleyball-Trainer Mark Lebedew.
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BerlinDie BR Volleys haben ihre Ambitionen, sich in Europas Spitze zu etablieren, nicht aus den Augen verloren. Das beweist die Verpflichtung des Brasilianers Eder Carbonera, die der amtierende deutsche Meister am Donnerstag bekanntgab. Der 36 Jahre alte Mittelblocker hat einen Einjahresvertrag unterschrieben und ist mit dem Russen Sergej Grankin nun der zweite Olympiasieger im Berliner Team für die kommende Saison. Um in Europa konkurrenzfähig zu bleiben, hatte Volleys-Manager Kaweh Niroomand kürzlich seine Überlegungen offen gelegt, seine Mannschaft ab der übernächsten Saison in der polnischen Plusliga zu melden. Berlins früherer Coach Mark Lebedew, der mit den Volleys dreimal deutscher Meister wurde, lebt seit 2015 in Polen, wo er die Teams von Jastrzębski Węgiel und Zawiercie trainierte. Er hat den Kontakt zur Bundesliga, aus der sich zuletzt drei Teams zurückziehen mussten, nicht verloren. Und natürlich hat Lebedew von den Gedankenspielen der Berliner gehört.   

Herr Lebedew, wie denken Sie über den Plan von Kaweh Niroomand, sein Berliner Team eventuell demnächst in Polen zu spielen zu lassen?

Ich beschäftige mich schon eine lange Zeit mit Volleyball. Ich komme aus einer Volleyball-Familie. Der Sport ist mehr oder weniger der gleiche wie vor 20, 30, 40 Jahren. Nichts hat sich wirklich verändert am Stellenwert des Volleyballs in der Gesellschaft, in der Welt. Wir bewegen uns einen oder zwei Schritte vorwärts und dann geht es wieder zurück. Wir machen immer die gleichen Dinge mit der gleichen Idee. Seit 50 Jahren funktioniert das nicht. Manchmal ist Volleyball an irgendeinem Ort erfolgreich, dann wieder woanders. Der einzige Ort, den ich in dieser ganzen Zeit gesehen habe, an dem sich Volleyball wirklich über einen längeren Zeitraum verändert hat, ist das Projekt in Berlin. Es ist noch nicht abgeschlossen. Dort gab es einen komplett neuen Ansatz, über einen Verein, einen Sport nachzudenken, alles einzubeziehen. Dort wurde die Position des Volleyballs verbessert: in der Stadt, in der Kultur, im Klub.

Die BR Volleys sind in eine große Halle gegangen. Sie präsentieren Volleyball professionell, sie trainieren professionell, machen Marketing, haben eine Agenda. Das ist das Vorbild?

Der einzige Weg, den Volleyball zu verändern, ist es, einen wirklich großen Wandel herbeizuführen. Berlin ist das Beispiel. Das sage ich jedem, egal, wo ich bin: Wenn ihr sehen wollt, wie man Volleyball verändern kann, welches Potenzial wir haben: Geh nach Berlin und schau dir an, wie es funktioniert.

Sie sagen das, obwohl Sie in Polen leben. In einem Land, das Weltmeister ist und in dem Volleyball einen hohen Stellenwert hat.

Aus der Geschichte der 1970-Jahre heraus hat Volleyball einen wichtigen Platz in der polnischen Kultur, in der Gesellschaft, die Allgemeinheit kennt den Sport.

Noch mehr als in Italien?

Viel mehr als in Italien. In der italienischen Gesellschaft ist Volleyball nicht wichtig. Wenn Sie dort die Sportzeitung lesen, kommt Volleyball auf Seite 31. Italien ist groß im Volleyball. Aber Volleyball ist nicht groß in Italien.

Und in Polen?

Ist Volleyball in der Gesellschaft wichtig. Die Menschen kennen die Spieler. Das Nationalteam ist sehr beliebt. Aber niemand kann Volleyball in Polen verkaufen. Es gibt keine Sponsoren dafür. Von den 14 Klubs der Liga werden die besten vier Klubs von staatlichen Energie-Unternehmen gesponsert: Kedzierzyn-Kozle, Verva Warszawa, PGE Skra Belchatow, Jastrzebski Wegiel. Das sind keine Sponsoren, sondern als große Arbeitgeber in der Stadt garantieren sie eine Art öffentliche Zuwendung. In den meisten anderen Städten ist der Hauptsponsor die Stadt, die lokale Regierung. Es gibt nur zwei oder drei Klubs, die einen privaten Sponsor haben. Aber es gibt viel mehr Potenzial, das nicht ausgeschöpft ist.

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Zur Person

Mark Lebedew, 53, wurde in Adelaide geboren. Er stammt aus einer Volleyball-Familie und spielte selbst in der zweiten deutschen Liga. Nach Trainerstationen in Belgien und Italien wurde er zwischen 2010 und 2015 als Trainer der BR Volleys mit den Berlinern dreimal deutscher Meister und Dritter in der Champions League. Danach zog er mit seiner polnischen Frau und seinem Sohn nach Polen, wo er Jastrzebski Wegiel und Klub Aluron Virtu Warta Zawiercie coachte. Zudem war er bis im Januar 2020 Trainer der australischen Nationalmannschaft.

Was für eine Reaktion gab es in Polen auf die Gespräche der BR Volleys mit der Plusliga?

Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, halten es für eine gute Idee. Denn sie wissen, dass Berlin ein attraktiver Standort mit einer großartigen Halle und tollen Fans ist. Ein Anschluss der BR Volleys würde die Liga in Polen besser aussehen lassen. Für die Klubs mit privatem Sponsor ist es außerdem eine gute Geschäftsmöglichkeit. Die Klubs, die von ihrer Stadt gesponsert werden, interessieren sich weniger für Kapitalrendite. Wie so ein Anschluss allerdings formal vor sich gehen würde, ist eine andere Frage.

Und was sagt der polnische Ligaboss zur Aufnahme der BR Volleys?

Das offizielle Lesart lautet: Es ist in der Diskussion. Und es ist eine interessante Diskussion.

Würden Sie eher eine europäische Liga favorisieren?

Wie ich schon sagte, der einzige Weg, die Stellung des Volleyballs zu verändern, ist ein wirklich große Veränderung. Kommentare anderer deutscher Bundesliga-Klubs lauteten, dass es doch Schritte nach vorne gibt. Aber ich bin sicher, wenn Sie mit älteren Volleyball-Kennern sprechen, die noch die 80er Jahre kennen, würden diese sagen, dass Volleyball damals einen höheren Stellenwert hatte als jetzt. Der Volleyballsport hat in den vergangenen Jahren vielleicht Fortschritte gemacht. Aber davor gab es eine lange Phase des Rückschritts. Ich denke, jedes Land könnte die Unterstützung von zwei, drei Mannschaften verkraften. Man könnte diese Unterstützung konzentrieren in einer paneuropäischen Liga.

Welche Länder haben Sie da im Sinn?

Alle. Es gibt kein Land, in dem die Liga durchweg stark ist. Italien hat eine starke Liga. Aber es sind auch nur vier Teams mit einem wirklich großen Budget, danach wird es sehr schnell weniger. Die Plätze sechs bis zwölf haben ein ähnliches Budget, aber es ist weit entfernt von den Top Vier. In Polen gibt es vier Teams mit großem Budget. Von den Teams dahinter kann vielleicht mal ein Team das andere im Januar schlagen. Aber im Saisonfinale hat es keine Chance mehr. Wenn man zwei, drei, vier Mannschaften aus jedem Land nähme, könnte das Sponsoren mit großen Budgets anziehen und auch Spieler.

Dann gäbe es keine Champions League mehr?

Ja, das wäre anstatt der Champions League.

Es gibt ja eine paneuropäische Liga.

Ja, in der spielen Slowenien, Österreich, Kroatien, Ungarn. Es ist eine Version der Idee. Aber auch diese Liga ist nicht auf dem Level, auf dem sie mal war.

Wer sollte die Institution sein, die so eine Idee umsetzt?

Keine Ahnung.

Der Europäische Volleyball-Verband?

Ich will nicht spekulieren. Ich meine nur, wenn wir etwas ändern wollen, brauchen wir eine große Veränderung. Klar, wenn man zu schnell voranschreitet, verliert man etwas. Klubs, Menschen fallen hinten runter. Aber wenn du nichts veränderst, hast du nicht die Möglichkeit, ein höheres Level zu erreichen. Also hat man ein Risiko in beide Richtungen.

Glauben Sie, die jetzige Corona-Zeit ist richtig, um so einen großen Wandel einzuleiten?

Es gibt keinen richtigen oder falschen Moment. Der richtige Moment ist der, in dem alle übereinstimmen, dass es eine gute Idee ist, etwas zu verändern.

Gibt es viele Trainer, Manager, Funktionäre, die finden, ein Wandel seit nötig?

Ich habe noch nicht mit allzu vielen Verantwortlichen ausführlich darüber diskutiert. Vielleicht reden viele im kleinen Kreis darüber.

Zuletzt waren in Deutschland viele froh, dass es ausgewählte Spiele überhaupt im Fernsehen oder im Livestream zu sehen gab.  

Hat die Fernsehpräsenz die Budgets der Klubs wesentlich erhöht? Die Klubs sollten, wenn sie in ihr Produkt investiert haben, einen Gegenwert dafür bekommen.

Offenbar haben sich die Budgets der Bundesligaklubs nicht wahnsinnig vergrößert. Während die Berliner mit ihrem Etat Richtung drei Millionen Euro streben, haben die meisten anderen die Million noch lange nicht erreicht.

Ich will ein Beispiel aus Polen geben: Mein voriger Klub Aluron Virtu Warta Zawiercie ist einer der Klubs mit privatem Sponsor. Sie messen den Wert ihres Sponsorings daran, ob der Wert ihres Namens steigt. Die Social-Media-Präsenz, die Fernsehpräsenz, es gibt viele TV-Übertragungen in Polen, all die Media-Billboards, wären 40 Millionen Zloty wert. Das sind ungefähr 10 Millionen Euro. Aber sie zahlen nicht 40 Millionen Zloty. Was Sponsoren zahlen und was der Sport wert ist, macht einen beträchtlichen Unterschied. Das ist das Problem des Sports, das ungenutzte Potenzial.

Das es im Fußball nicht gibt.

Die Bosse des Fußballs verstehen, dass sie Dutzende Millionen in den Sport stecken können, weil sie Dutzende Millionen zurückbekommen.

Auch, weil die Marketing- und Medienmaschinerie auf einem ganz anderen Level ist?

Natürlich. Aber Volleyball hat jetzt schon einen Wert. Man sieht es auf Sport 1 und im Stream. Volleyball hat einen Wert. Aber das Potenzial ist ungenutzt. Das müssen wir angehen. Und ich sehe im Volleyball nicht die Kapazität, diesen Fortschritt zu machen. Der Wert der Medienpräsenz eines polnischen Topklubs ist vielleicht mehr als 15 Millionen Euro. Die Klubs haben ihre exklusiven Namens- und Marketingrechte für weniger als eine Million Euro verkauft. Das ist ein ungenutztes Potenzial von zehn, zwölf Millionen Euro.

Hat das mit zu wenig Selbstbewusstsein zu tun?

Wollen Sie, dass ich Volleyball psychoanalysiere? Ja, man kann es psychoanalysieren: Der Volleyballsport schätzt sich selbst nicht genug. Er verkauft sich unter Wert.

Das Gespräch führte Karin Bühler.