Zeit für Legenden: LeBron James zählt mit Michael Jordan zu den Größten in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA.
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BerlinLeBron James wollte nicht unhöflich sein. Hastig beantwortete er die Fragen des amerikanischen Reporters, schielte dabei aber immer zur Tür links neben sich. Nach dem zweiten Nachhaken verlor er die Geduld. „Sorry“, sagte er, „ich muss in die Mixed Zone.“ Dann öffnete er besagte Tür, schritt hinaus – und stand in der Kölner Nacht. Der Medienbeauftragte des Basketballteams der USA schaute konsterniert, verdrehte dann die Augen und ging James hinterher, um ihm zu erklären, dass die Mixed Zone jener Ort war, an dem man ihn vorher ausgefragt hatte.

Es war ein sehr junger und unerfahrener LeBron James, der mit dem US-Team zu Olympia 2004 nach Athen reiste und davor zwei Testspiele in der Kölner Arena bestritt, ein gewonnenes gegen Deutschland, ein verlorenes gegen Italien. Auch Olympia verlief dann nicht nach dem Geschmack des 19-Jährigen. Coach Larry Brown setzte die jungen NBA-Frischlinge James, Carmelo Anthony und Dwyane Wade, die ihm der Verband wegen ihrer Popularität aufgezwungen hatte, wenig ein, ein bisschen waren sie auch überfordert mit dem Stil vor allem der europäischen Teams und Schiedsrichter. Dem Rest der Mannschaft ging es nicht anders, erstmals seit dem Dream Team 1992 gewannen die USA kein Gold, sondern nur Bronze.

LeBron James will Michael Jordan hinter sich lassen

16 Jahre später ist LeBron James längst einer der beiden größten Basketballer aller Zeiten, und das Jahr 2020 sollte ihm eigentlich dazu dienen, auch Michael Jordan hinter sich zu lassen. Inzwischen kann er es nicht mehr leiden. „Man sollte 2020 absagen“, twitterte er, nachdem die NBA-Saison für mindestens 30 Tage unterbrochen wurde, und es war klar, dass er nicht nur an das Coronavirus dachte, sondern auch daran, dass der Basketball zuvor mit Kobe Bryant und dem langjährigen NBA-Commissioner David Stern zwei prägende Figuren verloren hatte.

Mit 35 Jahren war LeBron James auf dem besten Weg, seiner Legende ein beeindruckendes Kapitel hinzuzufügen. Nach einem verlorenen, verletzungsträchtigen und für ihn unwürdigen Jahr bei den Los Angeles Lakers hatte er es vor allem durch die Akquise von Anthony Davis geschafft, das mediokre Team in einen heißen Titelanwärter zu verwandeln. Die stärksten Konkurrenten Los Angeles Clippers und Milwaukee Bucks hatten die Lakers jüngst klar dominiert, vor allem dank eines berserkerhaften James, der nebenbei auch den kommenden Superstar Zion Williamson von den New Orleans Pelicans, der vor seinem NBA-Einstieg ähnlich gefeiert wurde wie einst James, in die Schranken gewiesen hatte.

Serie: Geschichte(n)macher, Teil 3

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Topfit, motiviert, athletisch und beweglich wie eh und je schien James auf dem Weg zu seinem vierten Titel mit dem dritten Team, und die schallenden „MVP, MVP“-Rufe der Fans im Staples Center von Los Angeles waren keineswegs übertrieben. Es wäre seine fünfte Wahl zum besten Spieler einer NBA-Saison.

Dass LeBron James das Zeug zu einem Topspieler in der NBA hatte und außerdem die Dinge gern anders anging, war schon klar, als er sich in Akron, Ohio überraschend für die St. Vincent-St. Mary-Highschool entschied, eine katholische Einrichtung mit fast nur weißen Schülern. „The Chosen One“, den Auserwählten, nannte ihn damals das Magazin Sports Illustrated, das den 16-Jährigen auf seinem Cover präsentierte. Den Vorschusslorbeeren wurde der kräftige Jüngling ohne weiteres gerecht, und zwei Jahre später wechselte er direkt ohne Umweg über das College in die NBA.

Beim Draft der Nachwuchstalente verschlug es den inzwischen 2,06 Meter großen und noch kräftigeren James im Sommer 2003 ausgerechnet nach Cleveland, knapp 50 Kilometer von seinem Heimatort Akron entfernt, und gleich in seinem ersten Match für die Cavaliers begann er mit dem Aufstellen von Rekorden. Als erster direkt von der Highschool gekommene Spieler schaffte er bei seinem Debüt 25 Punkte (gegen Sacramento). Anders als etwa Kobe Bryant oder Dirk Nowitzki war er auf Anhieb der Führungsspieler in seinem Team, und von Anfang an war klar, dass er mehr sein wollte als ein großartiger Basketballer. Er wollte ein Ikone werden, so wie Michael Jordan.

Dass der Erfolg auch für einen begnadeten Spieler wie ihn nicht automatisch kommt, musste James nicht nur bei Olympia, sondern auch in den folgenden Spielzeiten mit den Cavaliers erfahren. In seinen ersten beiden Jahren verpasste Cleveland die Play-offs und scheiterte im dritten im Viertelfinale an den Detroit Pistons. Der Durchbruch kam 2007, als er die Cavaliers ins Finale führte. Dort jedoch gab es ein 0:4 gegen die San Antonio Spurs, und James, der bis dahin Kritik kaum kannte, verspürte erstmals Gegenwind, weil er in der Serie phasenweise untertauchte. Als es auch in den folgenden drei Jahren nichts wurde mit dem ersehnten ersten NBA-Titel für die Cavaliers wurde Cleveland zunehmend unzufrieden mit James und James unzufrieden mit Cleveland. Im fünften Match des verlorenen Viertelfinales daheim gegen die Boston Celtics hatte er nicht seinen besten Tag, und die Fans buhten ihn gnadenlos aus, was sie bald bereuen sollten.

Ich werde meine Talente nach South Beach tragen.

LeBron James 2010

Es folgte im Sommer 2010 „The Decision“, die Ohios Sportwelt in den Grundfesten erschütterte. In einer einstündigen TV-Sendung kündigte LeBron James seinen Wechsel zu den Miami Heat mit dem Satz an: „Ich werde meine Talente nach South Beach tragen.“ Zu jener Zeit war James noch nicht der Medienprofi späterer Tage, und der pompös-lächerliche Auftritt wurde ausgiebig bespöttelt. In seinem Heimatstaat war James nun die meistgehasste Person, aber nicht nur dort galt er als treuloser Egomane, der den leichten Weg ging und sich mit seinen Kumpels Dwyane Wade und Chris Bosh in Miami einfach mal ein Championship-Team bastelte.

Sportlich funktionierte der Wechsel, doch im Finale gegen die Dallas Mavericks bewiesen die Heat-Stars mangelnde Reife. Übermütig feierten sie voreilig einen Sieg. Sie machten die Rechnung ohne Dirk Nowitzki, der Dallas nicht nur zum Erfolg in diesem Match, sondern dann auch zum Titel führte. Erneut hatte James ein für seine Verhältnisse schwaches Finale gespielt.

Es war die Lektion, die er gebraucht hatte. Fortan leistete er sich kaum noch Schwächen in entscheidenden Momenten, nicht in den folgenden drei Finalduellen mit den San Antonio Spurs, von denen Miami zwei gewann, und nicht danach bei den Cleveland Cavaliers, wohin er 2014 überraschend zurückkehrte und erst in Gnaden, dann mit Freuden aufgenommen wurde. Gleichzeitig gewann er an Charisma und Reputation. In Cleveland musste er das Team oft alleine tragen, insofern ist seine dritte NBA-Meisterschaft von 2016 weit höher zu bewerten als die beiden mit den Heat. Seine Mission in Cleveland war mit dem ersten Profisporttitel für die Stadt seit 1964 endlich erfüllt, was ihm, diesmal ohne Eklat, erlaubte, nach vier Finalserien gegen die Warriors und drei Niederlagen 2018 weiter nach Los Angeles zu ziehen. Ein Karriereknick, nach acht Finals in Serie gab es für ihn erstmals seit 2005 eine Saison ohne Play-offs.

LeBron James kritisiert Donald Trump

Abseits des Platzes war der einst eher selbstbezogene und hedonistische James zu einer Art Elder Statesman der NBA gereift. Er hatte stets Twitter geliebt, doch seine Tweets, die früher von Partys und fröhlichen Ausflügen handelten, wurden ernster, politischer. Mit seiner Unterstützung der Aktion „Black Lives Matter“ und der Protestbewegung, die der Football-Quarterback Colin Kaepernick ins Leben gerufen hatte, seiner scharfen Kritik an Präsident Donald Trump und vielen klugen Kommentaren wurde er zu einem der angesehenen Wortführer im US-Sport.

Eine Rolle, die ihm behagt, ihn aber nicht ausfüllt. LeBron James will auch auf sportlichem Gebiet noch einmal Großes leisten, und 2020 sollte sein Jahr und nach einem langen Tief das der Lakers werden. Eine endgültige Absage der NBA-Saison würde ihn hart treffen. Beweisen allerdings muss er längst nichts mehr. Und zwei olympische Goldmedaillen hat er inzwischen auch.