So verfolgt Marcelo Bielsa oft die Spiele seiner Mannschaft.
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LeedsDas Trainerleben des Marcelo Bielsa steckt voller Kuriositäten. Nicht umsonst haben sie ihn in seiner Heimat Argentinien „El Loco“ getauft, den Verrückten. Nach Niederlagen soll er häufiger nackt in der Kabine gesichtet worden sein, in Leeds dagegen im Trainingsanzug des Vereins beim Einkaufen. Und trotzdem wird er nahezu überall geliebt. Seit spätestens Freitag auch in Leeds.

Denn dort löste Bielsa den Ausnahmezustand aus. Nach 16 Jahren schaffte Leeds United mit dem charismatischen Taktikfanatiker an der Spitze die Rückkehr in die Premier League. Das 1:2 des Tabellenzweiten West Bromwich Albion bei Huddersfield Town genügte dem Traditionsklub, um am Freitagabend eine riesige Aufstiegsfeier mit Mannschaft und Fans an der Elland Road zu starten.„Wenn man schon ausgecoacht wird, dann wird man doch am liebsten von einem Genie ausgecoacht", sagte Danny Cowley, der Teammanager von Huddersfield Town nach der Niederlage: „Ich bin sehr gespannt, wie die Premier League mit ihm fertig wird." Einen Tag später ging die Party weiter - durch den Patzer des FC Brentford stand auch die Meisterschaft in der Championship fest.

Dabei stand Bielsas 2018 begonnene Mission beim dreimaligen Meister schon auf der Kippe. Im ersten Jahr unter ihm verpasste Leeds den Sprung in die Premier League knapp. Viele erwarteten seinen Abgang, doch Bielsa blieb, hauchte dem lange glanzlosen Klub neues Leben ein und erarbeitete sich den Ruf des „King of Elland Road“. Der Aufstieg reiht sich in eine Vita mit wenigen Pokalen.

Auch ohne große Titel scheint der 64-Jährige gerade für die Generation um Pep Guardiola eine Inspiration zu sein. Für den Teammanager von Manchester City ist Bielsa der „beste Trainer der Welt“, für den früheren Tottenham-Coach Mauricio Pochettino „ein Genie“. Bevor Guardiolas Weltkarriere begann, traf er sich mit Bielsa auf dessen Ranch zum Taktikseminar.

Und auch bei ehemaligen Spielern genießt Bielsa höchstes Ansehen. „Jeder sollte mal mit ihm gearbeitet haben, mindestens einmal im Leben", sagte Defensivspezialist Javi Martínez, der bei Athletic Bilbao unter ihm reifte und so die Aufmerksamkeit des FC Bayern auf sich zog. 40 Millionen Euro war dem deutschen Rekordmeister diese Verpflichtung 2012 wert.

Es gibt zahlreiche Anekdoten. 2004 ging er für drei Monate ins Kloster, Journalisten bekommen gerne mal Taktiknachhilfe mitsamt Power-Point-Präsentation, und den knapp fünf Kilometer langen Weg von seinem Haus in Wetherby zum Trainingsgelände von Leeds in Thorp Arch läuft Bielsa jeden Morgen zu Fuß. Nachdem Bielsa 2017 in Leeds angeheuert hatte, schickte er seine Profis zum Müllsammeln in den Park, um ihnen einen Eindruck zu vermitteln, welch privilegiertes Leben sie führen - abseits jeglicher sozialer Probleme.

Vor anderthalb Jahren gab Bielsa zudem eine denkwürdige Pressekonferenz. Vor dem Spitzenspiel gegen Derby County hatte er einen Klubmitarbeiter als Spion zum Konkurrenten geschickt, was dann auch prompt aufflog und für große Aufregung sorgte. In einer von ihm anschließend einberufenen Medienrunde erklärte er nicht etwa seinen Rücktritt, wie viele zunächst vermutet hatten, sondern er gab tiefe Einblicke in seine Gegneranalyse. „Ich habe alle Gegner beobachtet, gegen die wir gespielt haben. Wir haben ihre kompletten Trainingseinheiten vor den Spielen gesehen", sagte er damals. Dieser Vorfall haftete ihm eher als Lausbubenstreich, nicht als wirklicher Skandal an.

Wo Bielsa auch arbeitete, blieb er sich treu - ob bei den Titelgewinnen in seiner Heimat mit den Newell's Old Boys, wo das Stadion nach ihm benannt wurde, dem Olympiasieg mit Argentinien 2004 oder der WM-Teilnahme sechs Jahre später mit Chile. Meist coachte der mitunter kauzig wirkende Bielsa dabei sitzend von einer Box aus. In Leeds ist dieses unverwechselbare Bild zum Erfolgssymbol geworden, der blaue Eimer war als „Bielsa bucket“ sogar im Fanshop erhältlich. 

El Loco hat eben seine Eigenheiten. Es sind diese Dinge, die nicht nur die Leeds-Anhänger an ihm lieben. Dabei rücken die fehlenden Pokale in den Hintergrund. „Geliebt zu werden, ist das Wichtigste“, sagte Guardiola.