Porto Alegre - Stefan Traumann hatte Glück. Ganz regulär hat der deutsche Generalkonsul aus Porto Alegre im Ticketportal der Fifa sich um WM-Karten bemüht. So hat der Diplomat bislang nicht nur die Gruppenspiele der Franzosen und Niederländer im Estadio Beira-Rio verfolgt, sondern in seiner Wohnung lagern auch noch Karten fürs Achtelfinale. Wenn alles nach Plan läuft, sieht er am 30. Juni die deutsche Nationalmannschaft. Glück gehabt. Das gilt nicht für alle.

Immer mehr einheimische und ausländische Fans beklagen sich, dass sie in der Bewerbungsphase leer ausgegangen sind, es jetzt aber verwaiste Plätze gibt. Allein in der ersten Verkaufsrunde lagen aus dem Gastgeberland mehr als sechs Millionen Bestellungen vor. Insgesamt gibt es rund drei Millionen Tickets zu teils stolzen Preisen: Für Ausländer liegt die Preisspanne zwischen 67 und 742 Euro – in der Regel ist eine Karte mehr als 100 Euro teuer.

Desinteresse bei Sponsoren

Nur zum Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroaten in São Paulo, beim zweiten Auftritt in Fortaleza gegen Mexiko und beim Gruppenspiel Deutschland gegen Portugal in Salvador meldete die Fifa bislang: offiziell ausverkauft. Mal sind einige Hundert Plätze, mitunter auch mehrere Tausend leer. Selbst beim Klassiker England gegen Italien in Manaus (39.800 Zuschauer/42.374 Kapazität), obgleich das Interesse von der Insel gewaltig war. Viele scheuten den Abenteuertrip an den Amazons wegen der Gefahr, keine Karte zu bekommen. Auf der Mängelliste stehen zudem Mexiko gegen Japan (39.216/42.086) in Natal, Kolumbien gegen Griechenland in Belo Horizonte (57.174 /62.547), Elfenbeinküste gegen Japan in Recife (40 267/42 849), Frankreich gegen Honduras in Porto Alegre (43.012/48.849) und Iran gegen Nigeria in Curitiba (41.456). Ein Problem: Fast 400.000 Karten sind laut Fifa zur Abholung hinterlegt, viele werden offenbar nicht abgeholt. Lokale Organisationskomitees sprechen von „einigen Problemen“ bei der Internet-Distribution.

Ein weiteres Ärgernis bleiben die mit überbordenden Kontingenten bedachten Fifa-Sponsoren und die nicht genutzten Hospitality-Plätze. In den Logen der Arenen weilten oft mehr Hostessen als Kunden. Die Fifa spielt die Angelegenheit herunter. Sie teilt auf Anfrage mit, 97 Prozent Auslastung seien eine erstklassige Quote. 97 Prozent der verkauften, nicht der belegten Plätze. Zudem stellt sich die Frage, warum die Arenen so absurd weiträumig abgesperrt werden, dass sich sogar Taxifahrer verirren. Wer nicht Stunden vorher aufbricht, hat Pech gehabt.

Der Teufel steckt wie so oft im Detail. Ein Beispiel: Monica Steward aus Phönix/Arizona hatte für ihre Familie Tickets à 90 Dollar für vier Spiele bestellt, bei denen über das Ticketportal eine zufällige Zuteilung erfolgte: Dummerweise waren dabei zwei Spiele an einem Tag: Niederlande gegen Australien in Porto Alegre und Russland gegen Südkorea in Cuiabá. Die Stewards entschieden sich für Porto Alegre, die anderen Karten haben sie mit Mühe für den halben Preis losbekommen, „sonst wären sie wohl verfallen“.

Ebenso treffen Rückläufer von Sponsoren, Verbänden und Funktionären oft zu spät ein. Oder bleiben ungenutzt. Bei den Journalisten ist längst ein strenges Bestrafungssystem eingerichtet, so dass jedes nicht benötigte Media Ticket abgemeldet werden muss. Bei seinen Partnern mag die Fifa solch eine Möglichkeit nicht durchdrücken.

Unverhoffte Chance

Das Gute für die Fans: Fast überall tauchen vor Ort jetzt noch Tickets auf – auf der Straße, in Kneipen oder Hotels. Mitunter gibt es die bedruckten gelben Kartons sogar geschenkt. „Ich war in Cuiabá bei unserem ersten Spiel gegen Chile und hatten einige Tickets übrig“, erzählt der australische Anhänger Andrew Jenkins, „die haben wir Einheimischen angeboten, aber die haben uns nicht verstanden und wollten nicht glauben, dass es etwas, das vorher so teuer war, nun auf einmal umsonst gibt.“