Man schrieb den 13. August 1960. Die DDR war Ausrichter der Straßenrad-Weltmeisterschaften auf dem Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal. Radsport-Idol Gustav-Adolf „Täve“ Schur aus Heyrothsberge nahe Magdeburg stand im Zenit seiner Karriere und hatte das begehrte Regenbogentrikot des Einzel-Weltmeisters bereits 1958 und 1959 gewonnen.

Nun sollte der dritte Triumph in Serie folgen. So erwartete es die Sportführung der DDR und so erhofften es auch die zahlreichen Radsport-Anhänger zwischen Ostsee und Erzgebirge. Doch es kam anders.

Bei „Mistwetter“, so der spätere Weltmeister Bernhard Eckstein, wurde das Rennen der Amateure auf dem 174,6 Kilometer langen Rundkurs zu einer dramatischen Angelegenheit, die in der Historie des DDR-Sports Kultcharakter besitzt. Eckstein hatte 1958 den Durchbruch in die Spitze der Radsportler geschafft. Er sollte zu den wichtigsten Helfern von Top-Favorit Schur zählen. Im Mai 1960 war Eckstein, von allen nur „Ecke“ gerufen, ein wichtiger Akteur der DDR-Mannschaft, die die populäre Internationale Friedensfahrt gewonnen hatte.

Auf dem Sachsenring duellierten sich schließlich 111 Fahrer in einem aufregenden Rennen. Am berühmten Badberg, einer Steigung von elf Prozent, zerfledderte das Feld. In der vorletzten Runde hatte sich zum Entsetzen der rund 150.000 Zuschauer der starke Belgier Willy Vandenberghen abgesetzt.

Die Fans an der Strecke tobten

Eckstein schilderte die Szene so: „Ich saß in der Klemme. Vandenberghen fuhr allein weg, und Schur war noch nicht da, arbeitete sich gerade vehement nach vorn. Ich wartete auf Schur und der Vorsprung des Belgiers betrug eingangs der letzten Runde (die war 8,7 Kilometer lang, Anm. d. Red.) noch 28 Sekunden.“

Einen Kilometer vor dem Ziel hatte das Duo Eckstein/Schur den Ausreißer Vandenberghen eingeholt. Die Fans an der Strecke tobten und an den Fernsehgeräten im Land drängten sich die Leute.

Die entscheidende Szene schilderte Eckstein so: „Täve und ich wechselten kein Wort. Ich raste los, als ob der Teufel hinter mir her sei. Täve blieb bei Vandenberghen. Der schaute nur auf Schur, wartete, dass der Titelverteidiger endlich antritt und auch mich noch einholt. Doch Täve dachte nicht daran. Ich gewann mit einigen Sekunden Vorsprung den Weltmeistertitel, Täve bezwang im Spurt auch noch den Belgier.“

All das wurde als taktische Meisterleistung gefeiert, als Sieg des Kollektivs. „Niemand hat mir den Titel geschenkt“, stellte Eckstein aber klar. Viermal fuhr er die Friedensfahrt, wurde 1961 Dritter der Einzelwertung und war viermal DDR-Vizemeister im Einzelrennen auf der Straße. 

Er blieb dem Radsport lange treu. Viele Jahre arbeitete er als Sportfotograf für das Neue Deutschland und begleitete natürlich auch die Friedensfahrt. Nun ist Bernhard Eckstein nach langer Krankheit im Kreis seiner Familie in der vergangenen Woche in Leipzig gestorben. Er wurde 82 Jahre alt.