Moskau - #image1

Ein seltenes Bild. Ein Deutscher auf dem Podium der Zehnkämpfer bei einer WM. Zuletzt stand Frank Busemann auf dem Treppchen, dem kleinen für Bronze. 1997 war das. Sechzehn Jahre später kletterte am Sonntag frühen Abend ein Landsmann auf das Ehrenpodium, und er kletterte eine Stufe höher. Auf Silber. Michael Schrader, 26 Jahre alt und zuletzt dauerverletzt. Was für ein Comeback nach vier Jahren auf Kranken- und Rehabilitationsstationen, als der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, Schrader im Moskauer Luschniki-Stadion Silber überreichte.

Viele Rückschläge

Dafür war eine Leistung nötig, die dem oft von Verletzungen gebeutelten Athleten keiner zugetraut hatte. Der Leverkusener musste seine Bestleistung auf 8 670 Punkte steigern. Am Ende war nur Olympiasieger und Weltrekordler Ashton Eaton besser. Der US-Amerikaner sicherte sich mit 8 809 Punkten souverän sein erstes WM-Gold. Dritter wurde Damian Warner aus Kanada (8 512). Schrader sorgte so auch für die erste DLV-Medaille in Moskau. Sein WG-Kumpel Rico Freimuth sammelte 8 382 Punkte und kam auf Rang sieben. Europameister Pascal Behrenbruch wurde mit 8 316 Punkten Elfter.

Nach vielen Rückschlägen in den vergangenen Jahren schob sich Schrader durch seine Leistungsexplosion auf Rang sechs der ewigen deutschen Bestenliste. Seit 17 Jahren hat ein deutscher Mehrkämpfer nicht mehr eine solche Punktzahl erzielt.

#gallery1

Schrader stellte in Moskau sein großes Potenzial unter Beweis, ließ sich auch nach kleineren Rückschlägen nicht unterkriegen und lieferte einen überragenden Zehnkampf mit fünf neuen oder eingestellten persönlichen Bestleistungen ab. „Ich wusste immer“, so Schrader, „wenn ich mal gesund bin, kann ich Großes leisten. Ich bin überglücklich“ Nur Eaton war für ihn einfach nicht zu knacken. Der 25-Jährige legte den drittbesten Wettkampf seiner Karriere hin und schaffte sogar in vier Disziplinen bessere Ergebnisse als bei seinem Weltrekord. Es war bereits der achte WM-Titel für die USA im Zehnkampf.

Behrenbruch hingegen gelang nach Platz zehn bei Olympia in London wieder kein podiumsnaher Platz. Als Weltjahresbester war der Frankfurter mit hohen Erwartungen nach Russland gereist – und lag nach dem ersten Tag auch auf Bronze-Kurs. Doch die Aufholjagd, am zweiten Tag das Feld von hinten aufzurollen, gelang ihm nicht.

Potential für Weltspitze

Für Schrader ging mit seinem Coup von Moskau eine fast vierjährige Leidenszeit zu Ende. Schon lange galt er als Talent mit Potenzial für die Weltspitze. 2009 sorgte der Sportsoldat im Alter von nur 21 Jahren mit 8 522 Punkten bei seinem Sieg in Götzis für Aufsehen, wurde danach durch langwierige Fußverletzungen aber immer wieder zurückgeworfen. Jetzt löste er sein Versprechen von damals endlich ein. Ex-Weltrekordler Roman Sebrle bescheinigt ihm eine glänzende Zukunft. „Er ist fantastisch und hat noch Luft nach oben. Wenn Michael verletzungsfrei bleibt, kann er ein ernster Herausforderer von Eaton werden“, sagte der Tscheche. Schrader beeindruckte auch Busemann: „Er ist nervenstark, funktioniert unter Druck und hat einfach Lust auf Zehnkampf.“

Und weil der gestern zu Ende ging und die Anstrengungen der Jahre vergolten waren, war Schrader nach Schnaps zumute. Wodka, man ist schließlich in Moskau. Schrader: „Den haben wir uns schon ausgeguckt und dann wird gefeiert.“ (sid)