Nur fünf Wochen nach EM-Silber: Johannes Motschmann startet beim Berlin-Marathon

Ist so ein Doppelstart innerhalb kurzer Zeit überhaupt möglich? Und: Was bringt der Sonntag noch mit sich? Einen Weltrekordlauf von Eliud Kipchoge vielleicht?

Johannes Motschmann (l.) wird von Marathon-Europameister Richard Ringer im Ziel des EM-Marathons im München empfangen.
Johannes Motschmann (l.) wird von Marathon-Europameister Richard Ringer im Ziel des EM-Marathons im München empfangen.dpa/Marius Becker

Die Bilder vom Odeonsplatz in München sind noch keine fünf Wochen alt. Sie waren eine Art Initialzündung dessen, was später überall in Deutschland als Leichtathletik-Rausch der European Championships wahrgenommen wurde: Richard Ringers Turbosprint auf der langen Zielgeraden zum überraschenden EM-Sieg im Marathon. Die Bilder, wie er seinen Teamkollegen Amanal Petros begrüßte, der Vierter wurde – und wie er kurz darauf mit der Deutschlandfahne in der Hand die Arme für Johannes Motschmann vom SCC Berlin ausstreckte, der als 16. im bienenfarbig gestreiften Deutschland-Trikot ankam.

Motschmann griff nach der Stopptaste seiner Armbanduhr. Er strahlte und ging vor den jubelnden Zuschauern noch ein paar Meter mit Ringer Arm in Arm. Zusammen hatte das deutsche Marathonteam der Männer an jenem glutheißen Montag im August die Silbermedaille gewonnen. Die Frauen um Miriam Dattke, Katharina Steinruck sowie die Berliner Schöneborn-Zwillinge eroberten sogar die Goldmedaille in der Mannschaftswertung. Europameister Ringer sagte: „Im Marathon ist alles möglich.“

Eliud Kipchoge kündigt einen Weltrekord an

Ist das tatsächlich so? Ist es vielleicht auch möglich, bei einem normalen Straßenrennen eine Zeit unter zwei Stunden zu laufen? Das ist dem Kenianer Eliud Kipchoge als erstem Menschen gelungen – unter Laborbedingungen allerdings. Für diesen Sonntag (9 Uhr/ARD) hat der 37-Jährige, der 2018 in Berlin einen Weltrekord von 2:01:39 Stunden aufstellte, eine persönliche Bestzeit angekündigt und wissen lassen, er fühle sich großartig. 

Ist es im Marathon auch möglich, nur fünf Wochen nach einem Saisonhöhepunkt wie der EM in München schon wieder fit und leistungsfähig in Berlin anzutreten? Also 42,195 Kilometer kurz hintereinander auf höchstem Niveau zu absolvieren? „Ja, klar“, sagt Johannes Motschmann (28), „in den USA gibt es viele Spitzenläufer, die mehr als zwei Marathons im Jahr laufen. Ich glaube, die neue Schuhtechnologie lässt das zu. Ich habe mir vorgenommen, eine schnelle Zeit zu laufen.“ Eine unter 2:11 Stunden soll es werden – um sich den Kaderstatus des Deutschen Leichtathletik-Verbandes zu sichern.

Johannes Motschmann baut auf seine Lauferfahrung

Normalerweise starten die Top-Läufer einmal im Frühjahr und einmal im Herbst bei den dotierten Straßen-Marathons. Normalerweise bereiten sie sich etwa zwölf Wochen auf so ein Rennen vor. Und manch einer aus Motschmanns Umfeld sagte dem Medizin-Studenten: „Lass das bloß, du verletzt dich nur.“ Oder: „Was ist das für eine blöde Idee, so kurz hintereinander zwei Marathons zu laufen?“

Tobias Singer, Manager beim Marathon Team Berlin, zu dem Motschmann gehört, findet den Doppelstart „relativ außergewöhnlich“. Kein anderer der zwölf Athleten und Athletinnen, die in München den Marathon liefen, gehe auch in Berlin an den Start. „Aber Mojo“, sagt Singer, „ist mit dem eigenen Körper so im Reinen, dass er es schaffen kann. Er ist ultraintelligent und superzielstrebig. Er ist ready für Sonntag.“

Motschmann sieht das so ähnlich, am Mittwoch war er noch in der Höhe von St. Moritz auf einer 15-Kilometer-Runde unterwegs, lief nur 80 Kilometer in der Woche und nicht wie sonst 200. Er sagt: „Ich baue auf meine Lauferfahrung. Dadurch habe ich eine verkürzte Erholungszeit. Mental und physisch fühle ich mich relativ frisch. Am Ende kann ich mich nur auf mich verlassen.“

Er lief schon bei Wettkämpfen für den SC Magdeburg, als er zwölf Jahre alt war. Er lief mit seinem Zwillingsbruder Lukas, als er in Magdeburg aufs Sportgymnasium ging. Er lief während seines Stipendiums am Iona College in New York auf der Bahn und bei Cross-Meisterschaften – und studierte nebenbei Psychologie. Er qualifizierte sich 2018 als Athlet der LG Nord über 3000 Meter Hindernis für die EM in Berlin – und wechselte dann auf die Straße, zum SCC und gab sein Marathon-Debüt im Herbst 2020 in Wien. Seine Bestzeit (2:12:18) stammt aus Rotterdam.

Sein Zwillingsbruder unterstützt Motschmann an der Strecke

Nach dem EM-Marathon lief er drei, vier Tage überhaupt nicht. Dann machte er Aquajogging zur Regeneration. Als er nach sieben Tagen wieder die Turnschuhe anzog, waren die Oberschenkel noch schwer. Aber weil er zwischen Ende Juni, Anfang Juli an Corona erkrankt gewesen war, hatte er vor dem EM-Marathon nur fünf Wochen zur Vorbereitung. Deshalb, glaubt Motschmann, sei er nicht so ausgelaugt, deshalb also könne am Sonntag in Berlin alles klappen. Lukas bringt ihm die neuen Schuhe aus Magdeburg mit. An der Strecke ist der Zwilling sein wichtigster Unterstützter. Schwester Anna, Fotografin und Multimedia-Künstlerin in Berlin, wird mit dem Fotoapparat unterwegs sein.

Und wer weiß schon, was im Marathon wirklich möglich ist, welche Bilder aus Berlin bleiben? „Kipchoge ist ja am Start“, sagt Motschmann. „Vielleicht bleibt er unter zwei Stunden. Dann ist es schon etwas sehr Besonderes, bei diesem Lauf dabei zu sein.“ Erst recht so kurz nach Teamsilber bei der EM.