Annett Horna hört nicht auf zu rennen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es scheint. Sie ist Deutschlands Zweitbeste über die 1500 Meter und Langzeitstudentin. „Es gibt keine andere Lösung“, sagt die angehende Grundschullehrerin. Einerseits will sie zu den Olympischen Spielen 2016, andererseits muss sie sich auf die Zeit nach dem Sport vorbereiten. Denn das Leichtathletikleben abseits der glitzernden Diamond League ist ein finanziell knapp bemessenes.

Im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) ist man sich dessen bewusst und bekennt sich zur dualen Karriere aus Sport und Berufsausbildung. Doch die Worte finden in der Praxis wenig Widerhall. Zuletzt forderte Laufbundestrainer Wolfgang Heinig, viele Läufer sollten „mehr Mut zum Risiko“ zeigen.

Die Aussage sorgte für Irritationen, schließlich sind Horna (LC Rehlingen) und viele andere damit ausgelastet, über die Runden zu kommen und das Risiko in akzeptablen Maßen zu halten. Deshalb hofft die Läuferin, dass der DLV auf der heute beginnenden Jahrestagung seiner Bundestrainer in Kienbaum „eine Linie fährt und nicht jeder macht, was er will“. Denn für Horna ist die duale Karriere der einzig gangbare Weg. „Wenn ich nicht ganz oben ankomme, interessiert sich keiner für mich, wenn ich irgendwann aufhöre“, sagt sie.

Mit der Sorge ist sie nicht allein. In einer Studie der Sporthochschule Köln gaben im Vorjahr 83 Prozent der von der Deutschen Sporthilfe geförderten Spitzensportler an, dass es ihnen schwerfalle, sich neben dem Sport um eine berufliche Zukunft zu kümmern.

Nicht gut genug für die Armee

Auch eine wie Corinna Harrer (LG Telis Finanz Regensburg), als deutsche Meisterin und Olympiateilnehmerin schon ein bisschen weiter oben angekommen, ist auf die Absicherung durch eine parallele Berufsausbildung angewiesen. „Irgendwann muss Geld reinkommen“, sagt die 22-Jährige.

Heinig seinerseits fühlt sich missverstanden. „Natürlich bin ich für die duale Karriere“, sagt er. „Ich erwarte nur eine Schwerpunktsetzung zu bestimmten Zeitpunkten.“ Harrer und Horna würden zustimmen, doch ist die Haltung von Heinig noch nicht bis zu ihnen durchgedrungen. Das verrät einiges über die Kommunikation im Verband.

Das Schicksal der Athletinnen erinnert an die feuerfarben beschopfte Franka Potente, die als Lola durch den gleichnamigen Film von Tom Tykwer rennt. Die verfügbare Zeit verrinnt stetig, die Losung lautet: „Lauf, lauf, lauf, gib nicht auf!“ Horna ist 26 Jahre und keine Nachwuchshoffnung mehr, aber auch noch nicht in der Spitze angekommen. Beim Internationalen Stadionfest im Berliner Olympiastadion erreichte sie abgeschlagen und enttäuscht das Ziel. Aber sie kämpft weiter. Nächster Halt: die Deutschen Straßenlaufmeisterschaften über 10 Kilometer in einer Woche.

Dank der parallelen Berufsausbildung sollen die Leichtathleten unabhängig vom sportlichen Erfolg werden, doch es mangelt an Alternativen. „Nicht jeder kann zur Bundeswehr“, sagt Horna, „nicht jeder will zur Polizei.“ Sie musste die Armee nach einem Jahr verlassen, weil sie keine internationalen Einsätze vorweisen konnte. Nach einem Trainerwechsel und dem damit verbundenen Umzug sowie dem Umstieg auf die 1 500-Meter-Distanz, war sie nicht rechtzeitig in Tritt gekommen. Die Geduld des Systems ist schnell erschöpft, wenn sich der Erfolg nicht umgehend einstellt.

DLV-Präsident Clemens Prokop wirbt für die Kooperation mit Wirtschaftspartnern und Universitäten, doch auch hier gibt es Probleme. Harrer, der Prokop ein „außergewöhnliches Lauftalent“ bescheinigt, hat ihr Studium nach wenigen Wochen abgebrochen, da auf ihre Wettkampfeinsätze keine Rücksicht genommen wurde. Sie hat nun eine Ausbildung bei einem Finanzunternehmen begonnen, dass ihren Verein seit Längerem bei Veranstaltungen unterstützt.

Von der Deutschen Sporthilfe bekommt Harrer nur die Grundförderung in Höhe von 100 Euro. In den Vorjahren war der Betrag dank der Medaillengewinne bei internationalen Juniorenmeisterschaften aufgestockt worden. Aber 2012 hat sie sich auf die Qualifikation für die Olympische Spiele konzentriert, wo sie das Halbfinale erreichte. Eine Zulage von der Sportstiftung gibt es dafür nicht. Stattdessen wurde ihr von Seiten des Deutschen Olympischen Sportbunds mitgeteilt, dass die Betreuung durch einen Physiotherapeuten vor Ort nicht mehr bezahlt werde, weil sie nicht im erweiterten Kader für Rio 2016 sei. Richtig erklärt hat ihr das niemand. Sie solle das Angebot des Münchner Olympiastützpunkts wahrnehmen – Hin- und Rückfahrt kosten drei Stunden.

„Ich verstehe alle, die mit 20 Jahren erkennen, dass es für ganz oben nicht reicht und aufhören“, sagt Harrer. Das klingt frustriert, aber weder sie noch Horna geben sich dem Jammern hin. Der Refrain aus dem Titelsong „Lola rennt“ endet mit den Worten: „Wir können alles sein, doch jetzt bist du auf dich gestellt.“ Sie laufen weiter.