Der Bericht des Guardian über einen der womöglich größten Dopingfälle des Jahres kam zur Unzeit: „Olympiasiegerin Cakir Alptekin vor einer lebenslangen Sperre“, titelte die englische Zeitung vorigen Freitag – just an dem Tag, an dem die Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees in der Türkei eintraf, um nach Stippvisiten in Tokio und Madrid den Stand der Istanbuler Bewerbung für die Spiele 2020 zu begutachten.

Bei Alptekin, der Überraschungs-Goldmedaillengewinnerin von London über 1500 Meter, seien abnorme Blutwerte aufgefallen, schrieb das Blatt. „Es ist ein Fall aus unserem Testprogramm mit dem biologischen Pass“, wurde ein namentlich nicht genannter Sprecher des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF zitiert. „Er ist noch nicht abgeschlossen, aber wir wissen, dass es ein positiver Test ist.“ Die Werte seien „unmittelbar nach den Spielen“ entdeckt worden. Alptekin sei auch nicht der einzige Fall aus der Türkei: „Da kommt noch mehr.“

Die prompte Reaktion zeigte, wie sehr die Botschaft den Olympiabewerber beunruhigt. Istanbul, das nach vier gescheiterten Versuchen unter dem Slogan „Bridge together“ für Spiele auf zwei Kontinenten wirbt, gilt als klarer Favorit. Die Bewerbergesellschaft veröffentlichte ein Statement zum mutmaßlichen Dopingfall: „Spekulation“, nicht offiziell bestätigt, weshalb es „unangemessen ist, sie zu kommentieren“. Andererseits tat man genau das: Die Türkei verfolge „eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Betrügern. Sie haben keinen Platz in der Olympischen Geschichte“.

Radcliffe reagiert mit Spott

Die Leichtathletik-Community hat so ihre Zweifel. „Wirklich? Null Toleranz?“ twitterte Großbritanniens Marathon-Star Paula Radcliffe spöttisch. Ihre Landsfrau Lisa Dobriskey, in London Vierte über die 1500-Meter-Distanz, gab zu Protokoll, es habe sie „krank gemacht“, wie Alptekin und die erst 19-jährige Gamze Bulut den türkischen Doppelerfolg im Olympiastadion feierten. „Eine Schande, dass man sie nicht eher erwischt hat.“ Dafür, dass die vielzitierte Unschuldsvermutung im Fall Alptekin eher von Ahnungslosigkeit als von gebotener Zurückhaltung zeugen könnte, spricht viel. Und noch mehr spricht dafür, dass die sportverrückte Türkei sich fast unbemerkt zu einem der neuen Epizentren des Sportbetrugs entwickelt hat.

Bei den Erfolgen Alptekins weisen klassische Indizien auf Manipulation hin. Die inzwischen 27-jährige wurde schon 2004 positiv getestet, was ihr eine zweijährige Sperre eintrug. Bei den Spielen in Peking versuchte sie sich erfolglos als Hindernisläuferin, 2010 wechselte sie auf die 1500 Meter. Ihr Leistungssprung war für Szenekenner kaum nachvollziehbar – von 2011 auf 2012 steigerte sie sich von 4:05 auf 3:56 Minuten. Bulut brachte es gar von 4:18 auf 4:01. „Für Hinweise, wie man sich allein mit fleißigem Training derart verbessern kann, bin ich dankbar“, knurrte der österreichische Leichtathletik-Trainer und Antidoping-Aktivist Wilhelm Lilge.

Misstrauen schürte Alptekin auch durch Äußerungen. Als „Inspiration“ bezeichnete sie Landsfrau Süreyya Ayhan. Die einstige Volksheldin, Europameisterin 2002 und WM-Zweite 2003 über 1500 Meter, verbüßt seit 2007, nach einem positiven Test auf Anabolika, eine lebenslange Sperre als Wiederholungstäterin. Irre mutet da eine Strafanzeige an, die Ayhan und ihr Trainer und Gatte Yucel Kop gerade gegen die aktuelle Olympiasiegerin erstatteten. Das Duo will einen Teil des Gewinns, den Alptekin kassierte, denn: Man habe ihr seit 2009 „beratend zu Seite gestanden“, die Vereinbarung liege vor. Alptekin dementierte gar nicht erst und fügte den vagen Erklärungsversuchen für ihre plötzlichen Erfolge so ein weiteres Fragezeichen hinzu. In London führte sie ihren Triumph auf „türkische Kraft“ zurück. Ob die Fragezeichen im Fall Alptekin durch Ausrufezeichen ersetzt werden können und womöglich „noch mehr“ kommt, bleibt abzuwarten, bis die IAAF die Ergebnisse ihrer Bluttests offiziell mitteilt. Das soll in den nächsten vier Wochen geschehen.

Epo rezeptfrei in der Apotheke

Anderen Topathleten wurden Ingredienzen der „türkischen Kraft“ zum Verhängnis. Unmittelbar vor London zog man gleich drei potenzielle Olympiastarter als Doper aus dem Verkehr: Langstrecken-Spezialistin Meryem Erdoğan und zwei Gewichtheber. Auch Alex Schwazer, Italiens 50-Kilometer-Olympiasieger von 2008, trug nach seiner positiven Probe vor London zur Aufklärung über die Verhältnisse in der Türkei bei: „Ich fuhr nach Antalya, bezahlte in der Apotheke frei erhältliches Epo in bar, ohne Rezept.“

Dass Fingerzeige wie dieser den Olympiabewerbern wirklich Ärger beim IOC einbringen, darf trotzdem bezweifelt werden. Der Vergleich mit China, wo sich die Herren der Ringe um Dopingskandale nicht scherten, drängt sich geradezu auf. Das gilt vor allem für einen Fall, der international fast unbeachtet blieb: Im Dezember, nach der U-23-Europameisterschaft im Gewichtheben, detektierte das Kölner Labor für Dopinganalytik in Proben von gleich fünf türkischen Athleten Anabolikaspuren. Nachtests ergaben im Februar 16 weitere Stanozolol-Fälle bei den Junioren. Die Hintergründe des systematischen Dopings beim Heber-Nachwuchs liegen noch im Dunkeln. Der türkische Gewichtheber-Verband erledigte den Fall auf andere Art: Das Präsidium trat geschlossen zurück, wobei Präsident Hasan Akkus erklärte: „Wo Doping ist, da sind wir nicht.“

Die eilige Absolution der Funktionäre in eigener Sache klang nach einer guten Argumentationsvorlage für Istanbul 2020.