Mit dem Auftritt seines Teams gegen Stuttgart nicht zufrieden: Hertha-Trainer Bruno Labbadia.
Foto: Imago Images / Contrast

BerlinEin Erfolgserlebnis, danach drei Niederlagen: Bei Hertha BSC könnte man nach dem Saisonfehlstart auf den ersten Blick meinen, dass eine Wiederholung aus dem vergangenen Jahr läuft. Damals startete der Trainer Ante Covic mit viel Optimismus in die Bundesliga. Ein 2:2 beim Rekordmeister, doch dann setzte es 0:3-Niederlagen gegen Wolfsburg sowie auf Schalke und ein 1:2 in Mainz. Auch Bruno Labbadia erging es jetzt ähnlich. Ein 4:1 in Bremen, danach ein 1:3 gegen Frankfurt, ein 3:4 beim FC Bayern München und jetzt ein 0:2 gegen VfB Stuttgart, welches einer fußballerischen Selbstaufgabe gleichkam und heftige Reaktionen der 4000 Fans hervorrief. Die blau-weißen Profis wurden im Olympiastadion ausgepfiffen.

Aber: Auch wenn sich die Erfolglosigkeit ähnelt, ist diesmal alles ganz anders. Covic startete als unerfahrener Bundesliga-Trainerneuling und hatte noch ein Gerüst mit Führungsspielern wie Vedad Ibisevic, Per Skjelbred und Salomon Kalou zur Verfügung. Labbadia ist ein gestandener Coach, der seit über zwölf Jahren im Oberhaus arbeitet. Sein Hauptproblem ist: Er hat fast nur noch wenige, erfahrene Spieler im Team. Dieser Weg wurde bei Hertha bewusst gewählt. Doch er birgt große Risiken, wie jetzt das 0:2 gegen Stuttgart zeigte.

Für die Profis gab es Sonntagmorgen noch mal auf der Leinwand im Besprechungsraum die Wiederholung ihrer Horrorvorstellung vom Vortag. Einen Tag nach dem Totalausfall gegen Stuttgart führte Labbadia der Mannschaft bei der Videoanalyse alle Fehler vor. „Wenn man das Tor zum 0:1 sieht. Wir haben vorher gewarnt, wie Stuttgart es macht. Sie rempeln sich den Weg frei. Da war zu wenig Aufmerksamkeit. Jeder hat sich auf den anderen verlassen. Das habe ich selten gesehen, dass ein Spieler gegen drei so frei zum Kopfball kommt. Das war eine viel zu billige Niederlage“, haderte der Coach. Es sind immer wieder individuelle Fehler, die zu Gegentreffern führen. Mangelnde Konzentration, Verunsicherung und Naivität bei Standards. Schon fünf Gegentore kassierte der Hauptstadtklub nach Ecken oder Freistößen. So viel wie kein anderes Team in der Liga.

Doch das ist nicht das Hauptproblem der Hertha-Klasse des Jahrgangs 2020/21. Nach dem frühen Gegentreffer durch Stuttgarts Kempf in der neunten Minute fiel die Mannschaft in sich zusammen, es waren nur noch elf einzelne Spieler auf dem Platz. „Nach dem 0:1 haben wir sofort die Köpfe hängen lassen. Das ist mangelnde Körpersprache. Es herrscht oft einfach nicht das nötige Selbstvertrauen und die Klarheit“, so Labbadia, „mir wäre es lieber, wenn sie mal lauter werden. Das ist zu wenig gegenseitiges Steuern, das monieren wir seit Wochen.“

Passiert ist aber seitdem nichts. 14 neue Spieler, dazu jung und aus verschiedenen Ländern. Hertha hat ein Kommunikationsproblem. Maxi Mittelstädt sprach aus, dass wegen der vielen Sprachen Verständigungsschwierigkeiten gibt. Labbadia sieht es genauso: „Keine Frage. Da hat Maxi Recht.“

Ibisevic, Skjelbred, Kalou sind weg. Labbadia musste in den vergangenen Monaten einen kompletten Neuanfang wagen und momentan gibt es keine Hierarchie im Team. Ein Leitwolf wird verzweifelt gesucht. „Ich wusste, dass es ein steiniger Weg wird. Ich dachte vor einem Monat auch, dass wir schon weiter sind. Sind wir aber nicht. Wir haben diesen Weg mit jungen Spielern gewählt. Die Mannschaft muss sich noch finden. Dann wird sich zeigen, wer mehr sagt und auf wen die anderen hören.“

Einen echten Teamgeist gibt es gerade nicht. Wenig hilfreich war auch Matheus Cunha, der frustriert immer wieder abwinkte, als einem Mitspieler ein Fehler unterlief. Labbadia gefiel das auch nicht: „Ich habe mit Matheus geredet. Er will viel, aber er darf das nicht in negative Bahnen lenken. Das darf auf keinen Fall passieren.“

Kein Selbstvertrauen und dazu noch Missstimmung in der Mannschaft. Das sind Zutaten für ein Krisenrezept. Labbadia muss dagegen steuern, aber er weiß auch: „Wir müssen bei dem ganzen Entwicklungsprozess Ergebnisse liefern. Ich muss als Trainer jetzt extremst mit der Mannschaft nicht nur auf dem Rasen, sondern auch darüber hinaus arbeiten.“ Einzel- und  Gruppengespräche werden jetzt folgen. Nächste Woche beim Spitzenreiter RB Leipzig wird es noch schwieriger als gegen Stuttgart.