Genua/BerlinZu Weihnachten war Lennart Czyborra zu Hause in Wandlitz. Das erste Mal seit vier Monaten. „Ich habe mich so darauf gefreut, meine Familie und meine Freunde zu sehen“, erzählt der 21-Jährige, der mittlerweile schon wieder zurück in Genua ist, spürbar entspannt. Doch der Alltag ruft, bereits am 3. Januar spielt Czyborra mit dem CFC Genua in der Serie A gegen Lazio Rom. Sein Bruder Michael hat ihn begleitet, kurz vor Silvester kommen die Eltern und die Freundinnen der Brüder ebenfalls nach Italien, um gemeinsam das Ende eines Jahres zu feiern, das für Lennart Czyborra turbulent verlief.

Seit Januar ist der gebürtige Berliner Legionär in einer der stärksten Ligen der Welt. Für 4,6 Millionen Euro verpflichtete Champions-League-Teilnehmer Atalanta Bergamo den linken Flügelspieler vom niederländischen Erstligisten Heracles Almelo, lieh ihn im September dann nach Genua aus, wo Czyborra in 14 Ligaspielen bislang sechsmal eingesetzt wurde, davon viermal in der Startelf stand. Er spielt gegen Persönlichkeiten wie Cristiano Ronaldo von Juventus Turin, dessen Highlight-Videos er sich als Jugendlicher auf YouTube ansah, Romelu Lukaku von Inter oder Zlatan Ibrahimovic vom AC Mailand – und ist in Deutschland dennoch bislang nur wenigen bekannt. Auch, weil sein Karriereweg unsteter verlief als der vieler anderer Profis.

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Lennart Czyborra behauptet sich gegen Inters Stürmerstar Romelu Lukaku.

Mit zehn Jahren wurde Czyborra, der das Kicken bei Eintracht Wandlitz und Motor Eberswalde begann, in einem Spiel für die Kreisauswahl Oberhavel/Barnim vom 1. FC Union entdeckt und wechselte zu den Eisernen. „Das war damals richtig cool“, erinnert er sich. „Union war Zweitligist und ich als Kind auch gelegentlich in der Alten Försterei. Die Stimmung da war immer ein Erlebnis.“ Eine gewisse Sympathie für die Köpenicker, Czyborra macht keinen Hehl daraus, ist bis heute geblieben. „Na klar“, sagt er grinsend, „ich bin doch Berliner.“

Dennoch entschied er sich nach nur einem Jahr bei den Rot-Weißen für einen Wechsel – ausgerechnet zum Stadtrivalen Hertha BSC. „Als Kind macht man sich da noch keinen Kopf und denkt noch nicht so über eine Karriere oder so etwas nach. Da will man Fußball spielen, Spaß haben, und dann kommt jemand, erzählt dir was Tolles über seinen Verein und dann wechselst du eben“, erklärt er den schnellen Abgang aus Köpenick, den der damals Zwölfjährige allerdings ebenso schnell bereute. „Ich habe in der Hinrunde kaum und in der Rückrunde gar nicht mehr gespielt. Als dann der Trainer verkündet hat, dass er uns für zwei weitere Jahre trainieren wird, war für mich klar, dass ich nicht bei Hertha bleiben möchte.“

Oliver Ruhnert war von seinem Talent überzeugt

Czyborra wechselte ins Nachwuchsleistungszentrum von Energie Cottbus, wo er drei Jahre blieb und vom Stürmer zum Defensivspieler umgeschult wurde. „In der U15 hatte mein Trainer vor einem Spiel plötzlich keinen Linksverteidiger und hat mich dann einfach da aufgestellt“, erinnert er sich und ergänzt lachend: „Ich wollte das erst gar nicht, und das hat mich auch zwei, drei Spiele richtig genervt.“

Nach einem Sichtungsturnier in Duisburg nahm ihn schließlich der FC Schalke 04 unter Vertrag. Oliver Ruhnert, heute Kaderplaner des 1. FC Union und 2015 in Gelsenkirchen noch Leiter der Nachwuchsabteilung, war von seinem Talent überzeugt. Der 16-Jährige wurde drei Jahre lang intensiv gefördert.

Und doch wechselte er im Sommer 2018 zu Heracles Almelo in die Niederlande. „Vor mir standen Bastian Oczipka, Baba Rahman und Hamza Mendyl, da wäre ich nur die Nummer vier gewesen“, erklärt er. Stattdessen war er plötzlich Profi in der Eredivisie. „Ich kann diesen Schritt jedem jungen Spieler empfehlen“, betont Czyborra heute. „Die Liga hat mit Ajax, PSV, Feyenoord und Alkmaar vier Top-Mannschaften und dahinter noch viele weitere gute Klubs.“

In Almelo schlug sich der Blondschopf sogleich so gut, dass bald schon Atalanta Bergamo auf ihn aufmerksam wurde. Die Norditaliener hatten mit deutschen Linksverteidigern von Heracles ohnehin gute Erfahrungen gemacht, noch heute spielt Robin Gosens für das Champions-League-Team, das in Czyborra die ideale und ebenso talentierte Ergänzung zum Nationalspieler sah. Im Januar 2020 ging alles ganz schnell, und auf einmal stand der Junge aus Wandlitz bei einem Serie-A-Team unter Vertrag. „Das war damals wie ein Traum“, erinnert er sich.

Und doch waren die ersten Wochen alles andere als traumhaft. Wie keine andere Region in Europa wurde die Lombardei im Frühjahr, nur wenige Wochen nach Czyborras Wechsel, vom Coronavirus getroffen. Der Fußball rückte in den Hintergrund, doch nicht der Spieler, sondern der Mensch musste sich mitten in der Pandemie in einer fremden Stadt, in einem fremden Land einleben.

Die Kommunikation mit den neuen Teamkameraden war zudem schwer. Viele seiner Mitspieler und auch Trainer Gian Piero Gasperini konnten kein Englisch. „Ich habe mich damals oft an Robin gewandt, der mir geholfen hat und dann sogar mein Nachbar war.“ Dass Czyborra entgegen der Absprachen bei seinem Wechsel nach Bergamo nun aber so gar nicht spielte, machte seine Situation nicht einfacher.

Der Wechsel zum CFC Genua im Sommer kam deshalb gerade recht. Der 21-Jährige wurde für zwei Jahre verliehen und muss von den Liguren nach Ablauf der Leihe fest verpflichtet werden. Zwar kämpft Genua nach einem schweren Saisonstart, als das Team von sage und schreibe 17 Corona-Fällen geplagt wurde, derzeit um den Klassenerhalt, doch der Flügelspieler darf endlich spielen und hat das Gefühl, angekommen zu sein.

Czyborras Beispiel zeigt, dass der Fußball manchmal spannende Wendungen nimmt. Mit gerade einmal 21 Jahren hat der Berliner mehr erlebt und gelernt als manch anderer Profi in seinem Alter. Es ist ein beeindruckender Weg, den Czyborra gegangen ist – und der definitiv nicht in Italien enden soll. „Ich will nicht meine gesamte Karriere in der Serie A bleiben. Ich bin Deutscher, mein Traum ist und bleibt die Bundesliga“, sagt er. Und freut sich nun erst einmal darauf, mit seiner Familie den Wechsel in ein neues, spannendes Jahr zu feiern.